Archiv für Juli 2007

backjumps vortrag 31.07.2007

meine notizen beim heutigen vortrag im rahmen von backjumps, das meiste sind einfach zitate der vortragenden die ich hier in einen fliesstext einbette. eine etwas abgehackte verdichtung auf die gebrachten thesen, und die bildbeispiele fehlen natürlich.

I. streetart – reflexionen nach dem hype

die beiden kulturwissenschaftlerinnen und streetart-fans (wie sie sich selbst bezeichneten) christian schmidt und katrin klitzke haben vorhin im bethanien einen vortrag mit dem thema “streetart – reflexionen nach dem hype” gehalten. gleichzeitig war dies eine buchankündigung für ihr im dezember erscheinendes buch “streetart – legenden zur strasse”.

erstmal grenzten sie den kontext ein, der da wäre: im globalen kapitalismus befinden sich kulturstandorte in einer konkurrenz zueinander, es gibt dabei zentren und periphere bereiche. an diesen kulturstandorten findet eine musealisierung und theatralisierung statt, ersteres bedeutet dass die menschen zu statisten bzw. besuchern werden und zweiteres dass die szenerie der öffentlichkeit als statische bühne inszeniert wird. streetart wird in diesem kontext als lokale reaktion gesehen, die sich in raumaneignung und umnutzung, dem artikulieren von inhalten und der etablierung alternativer kommunikation äussert.

hier wurden wieder unterscheidungen getroffen, so gebe es einerseits künstlerinnen wie swoon und nomad die ein prinzip der egalitären partizipation ohne direkte politische aussagen verfolgten und im unterschied dazu leute wie ZEVS, die einen konkreten politischen ausdruck formulierten. ziel bei der in streetart gängigen mehrdeutigkeit sei die provokation von nachdenken und teilhabe.

probleme in diesem zusammenhang sahen die vortragenden in der lokalen beschränktheit und dem popkulturellen mythos von “der strasse”, den öffentlichen raum den sich im sinne von “reclaim the streets” angeeignet werden will gebe es in dem sinne garnicht, denn öffentlicher raum sei stehts ein bereich gewesen in dem die menschen normierung und diskriminierung ausgesetzt waren.

potential hingegen wurde von ihnen in der kommunikation eines “raumes für vorstellungen des völlig anderen” gesehen. doch da dies auch für werbung attraktiv sei würde hier schnell ein potentieller mehrwert von streetart abgegriffen und mit den innovativen formen die immunisierung gegen werbung überlistet.

und weiter ging es mit gentrifizierung: die streetart-aktivisten schüfen eine musealisierung von unten, eine unkommerziell betriebene aufwertung des stadtbildes, und seien damit pioniere der gentrifizierung. daraus entstünde dann handfestes ökonomisches kapital. hier kommt das splasher kollektiv aus new york ins spiel, diese kritisieren die rolle der kunst-aktivisten in der gentrifizierung und im spektakel.

als ein spezielles phänomen von streetart sei schliesslich auch noch zu beobachten, dass wohlhabendere künstler aus den zentren es sich leisten können herumzureisen und ihre werke zu verbreiten, dies verstärke zusätzlich den effekt der unsichtbaren peripherie.

die aufgezeigten widersprüche seien kein spezifisches problem von streetart, sondern treten seit jeher in subkulturellen praxen auf. der ausweg: mutig sein, ausbrechen, ausweitung der kampfzone im krieg der zeichen.

und: the future is unwritten.

II. disko

hier noch eine zusammenfassung der diskussion nach dem vortrag: christian warf die frage auf ob die theorie der gentrifizierung überhaupt auf die hiesigen metropolen übertragbar sei (das konzept stammt aus den USA). zumindest am boxi und in mitte sähe es aber ganz danach aus.

zum thema alternative kommunikation wurde nachgehakt, als antwort kam: diese würde auf verschiedenen ebenen ablaufen, beispielsweise der rein symbolischen, sowie der rezeption durch passanten, durch nachrichten wie bei lindas ex oder szeneintern wie tagging, crossen und nebeneinanderkleben.

zu den splashern kam die anmerkung aus dem publikum dass diese ihre kritik auch an die linke szene richte, die realen widerstand durch visuellen/virtuellen/künstlerischen ersetze. auch zum thema: in berlin gebe es eine gruppe von leuten die graffitis weiss überstreicht, mit einer ähnlichen intention wie die ny splasher.

eine kurze prägnanten kritik am stil vieler streetart-werke wurde formuliert: süsse menschen und blümchen zu malen sei doch kunstverständnis des 16. jahrhunderts. chapeau!

kurz wurde sich der frage gewidmet ob es auf dörfern streetart gebe, die einen meinten nein, andere brachten positive beispiele und ein berliner streetartist stellten von hinten die these auf dass es einfach teil einer jugendlichen sozialisation werden würde eine streetartphase zu haben. ich würde dazu sagen: definitiv gibt es in vielen dörfern einen kreativen prozess aus öffentlichen flächen, meist tags und sticker. die art von leuten die an streetart hauptsächlich teilnehmen ziehen aber meist eher in städte und metropolen und sind dort in ihrem umfeld aktiv und entwickeln ihre konzepte weiter.

vom leiter des kunstraums kamen noch anmerkungen zum einfluss des etablierten kunstmarktes und des mainstreams, letzterer würde sich in form entrüsteter journalisten immer dann bei ihm melden wenn die künstlerischen interventionen radikaler werden, beispielsweise in der zentrierten aktion von streetart und graffiti aktivisten im tunnel am alexanderplatz.

zur unterscheidung streetart/graffiti kam von christian dass es ja um aneignung an sich gehe und um die schaffung verstörender situationen, egal ob es jetzt kunst heisse oder nicht, wichtig sei die kommunikationsguerilla. im sinne von: nicht stadtteilarbeit, sondern riot. ausserdem sei eine abgrenzung zwischen graffiti und streetart eh nur in tendenzen möglich, bzw. unmöglich.

ein mensch bemängelte noch dass im rahmen von backjumps die besucher der überdose vernissage sich von streifenpolizisten in die innenräume hatten scheuchen lassen, wohingegen in wiesbaden die writerszene mal einen riot vom zaun gebrochen habe als die dortige hall of fame geschlossen wurde. der vergleich hinkte so ein bisschen.

III so what?

props an die beiden kulturwissenschaftlers für die zusammenfassung des aktuellen standes von streetart und den damit verbundenen themen inhalt-form-subversion-rekupation, angereichert mit beispielen aus der szene. viele der aufgegriffenen themen würde ich gerne mal mit leuten die kram auf den strassen machen weiter belabern, um an die thesen anzuknüpfen. schliesslich ging es sehr viel um die rolle der einzelnen aktiven und um die wirkung ihrer werke. ich sehe die möglichkeit die formen weiter zu reflektieren und sich auszutauschen.

“künstler lieben es zu hassen”

enttäuschend war der vortrag zu kunst-aktivismus in israel/palästina im rahmen von backjumps. der vortragende aktivist von anarchists against the wall nutzte die gelegenheit eher um ausführlich seine politischen einschätzungen bzgl. der trennmauer darzulegen. im eigentlichen kunst-bezogenen teil des vortrages drückte er sein missfallen für die arbeiten von banksy aus, da dieser sie nicht im dialog mit der bevölkerung angebracht habe, zu JRs face2face projekt urteilte er dass diese einen europäischen blickwinkel unterstützen, nämlich angeblich den konflikt zu verharmlosen indem die menschen auf beiden seiten als gleich betrachtet werden. seiner meinung nach müsse kunst auf der mauer einen politischen kampf unterstützen (”there should be a political statement to support a struggle”), wie das aussieht zeigte sich dann an den computergrafiken die er als positive beispiele politischer kunst anführte, eine palästinenserflagge und ein pali-tuch, gezeichnet in einem computerspiel in dem man auf der trennmauer graffitis üben kann. eine andere aktion seiner eigenen gruppe bewegte sich thematisch schon eher nah an JR’s arbeit, und zwar wurden auf beiden seiten der mauer projektoren installiert, die eine videoaufnahme der anderen seite zeigten, die mauer also “transparent” machten.

sein vortrag war insgesamt ein politisches statement für die anliegen der palästinensischen aktivisten, kunstbeiträge mit einer vermittelnden position (das genannte beispiel JR) reduzierte er auf die aussage “dieses ‘die leute sind gleich bla-bla’” (übersetzt). als kommentar zu dieser arbeit kam von ihm: “it’s ok to do something for peace”, es sei also schon in ordnung etwas für frieden zu tun, immerhin. insgesamt war sein vortrag leider von zynismus und verallgemeinerten vorwürfe an die israelis geprägt. beispiele hierfür waren israelische statistiken, die er zwar kurz anriss, um sie dann abfällig beiseite zu wischen. auch baute er eine art beweis anhand von 2 werken und 3 bildern auf der mauer auf, dass es eine tradition in israelischer kunst gäbe bei panoramas keine palästinensischen menschen darzustellen. den vorwurf der ignoranz gegenüber palästinensern unterstütze er mit photos von den 2 seiten der mauer an einem highway, wo auf der israelischen seite eine begrünte erdaufschüttung die höhe der mauer kaschiert, auf der palästinensischen seite hingegen die mauer bis zum boden freiliegt…

andere kunstprojekte wie ein workshop von eric drooker mit lokalen jugendlichen hat er leider nur kurz erwähnt, der fokus lag auf aktionen aus seinem eigenen umfeld. diese fixierung war schade, ich hätte eine breitere betrachtung des themas interessant gefunden. seinem titel “die trennungsmauer in palästina: künstler lieben es zu hassen” wurde der vortragende im engeren sinne jedoch gerecht, denn er als ein hassender künstler stellte sein projekt vor.