Archiv für Januar 2008

„broken window theory“ in der Praxis

riot berlin

Die Leute denken immer dass in meinem Kiez lauter Gangster rumlaufen die Kopfschüsse verteilen. Das stimmt auch, allerdings sind die Gangster um die 10 Jahre alt und werfen nur Schneebälle (diesen Winter hat sie das Wetter aber eher im Stich gelassen). Um in der Hermannstraße keinen Schneeball an den Kopf zu bekommen habe ich einen Trick, ich begrüße die Gang und frage wie es so läuft. Da fällt der eine dem anderen in den Wurfarm und erklärt ihm: „Das ist unser Freund.“. Weniger Glück hatte der Polizist der vor 10 Jahren hier an der Ecke durch seine Schussweste hindurch mit panzerbrechender Munition erschossen wurde, in besagtem Fall waren das zwar echte Gangster – Bankräuber und keine der Straßengangs – aber trotzdem erzählt man sich die Story von hier bis zur Donaustraße mit recht unverhohlenem Stolz. Denn sie befördert den Mythos vom Gangsterkiez…

In meinem Haus leben auch ein paar Gangster, allerdings sind sie auch noch recht klein und außerdem nicht sehr kriminell. Ich habe einen kleinen Versuch zur sogenannten broken-window-theory gestartet, die besagt dass in einer Gegend – in diesem Fall unser Treppenhaus – die Kriminalitätsrate ansteigt sobald die ersten Scheiben kaputt gehen und die ersten Schmierereien auftauchen. Um den Versuch zu beginnen habe ich mit einem Filzstift ein Wort im ersten Stock hinterlassen. Innerhalb der letzten zwei Monate wurde daraufhin unser vorher fast sauberes Treppenhaus von oben bis unten bekritzelt, sogar eine Scheibe ist zerbrochen (tata!). Es haben sich drei konkurrierende Crews gebildet. Das lässt nun verschiedene Möglichkeiten offen, entweder die Crews bestehen jeweils nur aus einem Gangster, oder aber die achtjährigen aus dem dritten Stock mischen auch mit, oder die zehnjährigen aus dem Hinterhaus taggen jetzt auch im Vorderhaus. Die broken-window-theory funktioniert jedenfalls.

(Das Bild oben stammt übrigends aus einer ganz anderen Ecke, die U-Bahnplattform am Alexanderplatz. Ein paar Hooligans hatten sich mit Punks angelegt und waren dann in eine Schlägerei mit Cops geraten)

hier dann doch noch der hintergrund nachgereicht: 1982 schrieben G.I.Kelling und J.Q. Wilson den text „zerbrochene fenster“. darin heißt es „da ist ein verlassenes gebäude, unkraut wächst, jemand schlägt ein fenster ein, die erwachsenen beschimpfen die kinder nicht mehr, wenn sie lärm machen, und die kinder, so in ihrer abenteuerlust ermutigt, werden rebellisch. familien ziehen aus, der abfall wächst in die höhe, menschen trinken vor den läden, ein betrunkener bricht auf dem gehsteig zusammen und kann dort bleiben bis er sich erholt, bettler ziehen herum und belästigen passanten, und wo heute bettler sind, gibt es morgen diebe und dann mörder.“
so ein bisschen das gegenteil der gentrification-geschichte, bei der in den gebäuden mit den zerbrochenen scheiben zwischennutzungspioniere, dann kneipen, gallerien, boutiquen, bioläden und dann bald großkonzerne einziehen, während die armen verschwinden. in dieser vorstellung werden sie wenigstens nicht von den rebellischen kindern zu mördern gemacht…

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noch ein paar worte zum winter in berlin

winter in berlin

Letzten Samstag haben sich 480 Leute wegen Glatteis verletzt, teilt dieses Dauerfernsehen in der U-Bahn mit. 482 muss ich korrigieren, denn ich habe mir in der Zionskirchstraße den Finger verstaucht als ich einen Böller zünden wollte. Wäre fast auf einen gefrorenen Hundehaufen gefallen. Man sollte sich halt nicht auf zu viele Sachen gleichzeitig konzentrieren, über Prenzlauerberg lästern, zur Kastanienallee schlittern, in die Kneipen gucken und lachen, Böller zünden und den Hundehaufen ausweichen.
Kurz vielleicht als Einschub eine Erklärung meiner Skepsis gegenüber Prenzlauerberg. Ich war vor Monaten mal dort, bei einer Art Poesieshow, bei der Leute die sich als die Nachfolger der Beat-Poeten sehen, ohne allerdings deren Lebensstil zu pflegen, (und deren poetische Begabung noch zur Diskussion stände) verschiedene Gedichte und Texte vortrugen. Da wurde dann über Busfahrer gelästert und über Touristen, zweiteres quasi eine Publikumsbeschimpfung, und über Neu-Berliner, eine Beschimpfung der anderen Publikumshälfte, sowie über verschiedene Stadtteile. Besonders schlecht kam der Postleitzahlbereich 12049 weg. Dort würden die Leute mehr grunzen als sprechen und alle wären dumme und verwahrloste Gangster. Da uns mit dieser Beschimpfung unseres Postleitzahlenbereichs durch die Prenzlauerberger Poeten schwer enttäuschten, fasste ich mit meinen Mitbewohnern den Entschluss nur noch höchstens alle zwei Monate dorthin zu fahren.
Ich bin also Nummer 481 der Verletzen dieser Nacht, mir tut den ganzen Abend der Finger weh. Mein Begleiter fällt in der Köpenicker Straße, in der Nähe der Köpi, einer der letzten großen Immobilien der Anarchistischen Wohnungsgesellschaft, auf den Bauch und zehn Meter weiter aufs Knie. Nummer 482.
Wir gehen in den Club Maria, Typen aus Brandenburg versuchen zu Drumm’n’Bass zu tanzen. Meinetwegen, sieht aber eher scheiße aus. Mein anderer Begleiter kriegt irgendwie einen philosophischen Film und fängt an davon zu schwadronieren wie komisch es denn sei dass diese ganzen Leute hier wie die Hippies fummeln, tanzen, die Zähne zeigen, Drogen einschmeißen und dann ab Montag wieder ganz normal zur Uni oder Arbeit gehen. Ich erklär ihm dass das mit den Hippies eigentlich schon immer so war. Mediengestalter in Skaterklamotten tanzen meine Begleiterin an, das sieht auch scheiße aus, und so betrunken wie die sind merken sie nicht mal wie sehr das nervt. Junge Dreadlockträger wollen mir alle möglichen Drogen verkaufen. Ich lehne dankend ab, hätte aber mal nach irgendwas zur Betäubung meines Fingers fragen sollen, der tut seit der Verstauchung irre weh. Jemand greift mir von hinten vorne an den Bauch, das finde ich eigentlich ganz nett wenn die Leute dann auch wieder loslassen. Passiert dieses Mal zum Glück auch. Das Problem wenn man in Berlin einen Kapuzenpullover trägt ist dass einen irgendwelche Rastafaris ohne Berührungsängste einfach mal anmachen ohne vorher zu checken ob man ihrer Zielgruppe (Frau) entspricht. Ich hab aber im Gegensatz zu Frauen wenigstens den Vorteil dass die Rastamänner sich erschrocken aus dem Staub machen wenn ich mich umdrehe. Ich will Sommer, weniger blöde Anmachen, und dass die Köpi bleibt.

kontrollbeflissenheit

u8 hermannplatz fahrscheinkontrolle foto von gak auf flickr, cc-lizenz

U8 Hermannplatz.
Er: Fahrschein bitte.
Zeigt mir seinen Dienstausweis
Ich: Den Betriebsausweis bitte auch.
Er: Aha, ein Student? Hol schon mal den Fahrschein raus.
Ich fange an zu nerven: Ich möchte erst überprüfen ob sie mich kontrollieren dürfen.
Er kramt ewig, verliert die Übersicht, hinter ihm gehen Leute unkontrolliert zum Ausgang, wir fahren in die Station ein. Er zeigt seinen Betriebsausweis, ich kontrolliere ihn, zeige mein Semesterticket.
Er ist sauer und kontrolliert noch ein paar Leute.
Dann kommt er zurück und fragt: Na, hat dich das befriedigt?
Ich: Ich hab das Recht nach dem Betriebsausweis zu fragen.
Er: Hat dich also befriedigt.
Ich: Befriedigt dich die Fahrscheinkontrolle?
Er: Hat dich also befriedigt.
Ich kenn das, wenn die Leute hier nicht mehr auf deine Antworten eingehen, wollen sie dir Böses.
Ich klugscheißer: Du kontrollierst und kriegst Kohle dafür, ich kontrolliere und kriege nichts dafür. Befriedigt wird hier niemand.
Er fängt an zu pöbeln, ich fang an zu pöbeln. Zwischen uns ist zum Glück eine Trennscheibe und ein Fahrgast, sonst hätte ich schon n bisschen Angst vor ihm bekommen.
Zwischenruf Fahrgast: Lasst einfach alles raus!
Ich steige aus, er auch. Er verabschiedet sich von seinem Mitkontrolleur. Läuft neben mir her, schlägt mit der Faust in seine Handfläche und sagt immer wieder vor sich her: Man sieht sich immer zweimal im Leben. Das mit den Wiederholungen kenn ich schon, denke kurz daran die Notruftaste an diesen SOS-Säulen zu drücken und dafür zu sorgen dass er wegen dieser bescheuerten Drohung seinen Job verliert, aber bitte, wie Scheiße wäre das denn? Also lass ich es bleiben und geh nach Hause um ein bisschen mit meinen Mitbewohnern über die BVG und Kontrolleure abzulästern. Kochen uns was von Aldi und lästern über das Wetter. Der Winter dauert schon viel zu lange, ich will wieder Sommer haben und Fahrrad fahren.

2008

happy new year. maybe there will be some content on this blog again.