„broken window theory“ in der Praxis

riot berlin

Die Leute denken immer dass in meinem Kiez lauter Gangster rumlaufen die Kopfschüsse verteilen. Das stimmt auch, allerdings sind die Gangster um die 10 Jahre alt und werfen nur Schneebälle (diesen Winter hat sie das Wetter aber eher im Stich gelassen). Um in der Hermannstraße keinen Schneeball an den Kopf zu bekommen habe ich einen Trick, ich begrüße die Gang und frage wie es so läuft. Da fällt der eine dem anderen in den Wurfarm und erklärt ihm: „Das ist unser Freund.“. Weniger Glück hatte der Polizist der vor 10 Jahren hier an der Ecke durch seine Schussweste hindurch mit panzerbrechender Munition erschossen wurde, in besagtem Fall waren das zwar echte Gangster – Bankräuber und keine der Straßengangs – aber trotzdem erzählt man sich die Story von hier bis zur Donaustraße mit recht unverhohlenem Stolz. Denn sie befördert den Mythos vom Gangsterkiez…

In meinem Haus leben auch ein paar Gangster, allerdings sind sie auch noch recht klein und außerdem nicht sehr kriminell. Ich habe einen kleinen Versuch zur sogenannten broken-window-theory gestartet, die besagt dass in einer Gegend – in diesem Fall unser Treppenhaus – die Kriminalitätsrate ansteigt sobald die ersten Scheiben kaputt gehen und die ersten Schmierereien auftauchen. Um den Versuch zu beginnen habe ich mit einem Filzstift ein Wort im ersten Stock hinterlassen. Innerhalb der letzten zwei Monate wurde daraufhin unser vorher fast sauberes Treppenhaus von oben bis unten bekritzelt, sogar eine Scheibe ist zerbrochen (tata!). Es haben sich drei konkurrierende Crews gebildet. Das lässt nun verschiedene Möglichkeiten offen, entweder die Crews bestehen jeweils nur aus einem Gangster, oder aber die achtjährigen aus dem dritten Stock mischen auch mit, oder die zehnjährigen aus dem Hinterhaus taggen jetzt auch im Vorderhaus. Die broken-window-theory funktioniert jedenfalls.

(Das Bild oben stammt übrigends aus einer ganz anderen Ecke, die U-Bahnplattform am Alexanderplatz. Ein paar Hooligans hatten sich mit Punks angelegt und waren dann in eine Schlägerei mit Cops geraten)

hier dann doch noch der hintergrund nachgereicht: 1982 schrieben G.I.Kelling und J.Q. Wilson den text „zerbrochene fenster“. darin heißt es „da ist ein verlassenes gebäude, unkraut wächst, jemand schlägt ein fenster ein, die erwachsenen beschimpfen die kinder nicht mehr, wenn sie lärm machen, und die kinder, so in ihrer abenteuerlust ermutigt, werden rebellisch. familien ziehen aus, der abfall wächst in die höhe, menschen trinken vor den läden, ein betrunkener bricht auf dem gehsteig zusammen und kann dort bleiben bis er sich erholt, bettler ziehen herum und belästigen passanten, und wo heute bettler sind, gibt es morgen diebe und dann mörder.“
so ein bisschen das gegenteil der gentrification-geschichte, bei der in den gebäuden mit den zerbrochenen scheiben zwischennutzungspioniere, dann kneipen, gallerien, boutiquen, bioläden und dann bald großkonzerne einziehen, während die armen verschwinden. in dieser vorstellung werden sie wenigstens nicht von den rebellischen kindern zu mördern gemacht…

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9 Antworten auf “„broken window theory“ in der Praxis”


  1. 1 !YO! 21. Mai 2008 um 10:27 Uhr

    Das ist ungelogen der lustigste Blogeintrag, den ich das ganze Jahr gelesen hab….echt schön!

  2. 2 amistat 28. Januar 2009 um 12:56 Uhr

    Der Beitrag ist aber auch die erschreckende Wahrheit, Städte schaffen sich damit sich selbst erfüllende Prophezeiungen.
    Durch den §22 SGB II werden Erwerbslose, Aufstocker oder Billiglöhner wie Leiharbeiter in billigen Wohnungen in ungepflegten Außenanlagen zusammengefasst – verzeiht die Oberflächlichkeit der Aussage.
    Renter, Kinderreiche und andere Personen bevorzugen natürlich ebenfalls oft Billigwohnungen.
    2007 ist das sog, Anti-Diskriminierungsgesetz wurde so verfasst, dass im Umkehrschluss Beleidigungen über den sozialen und finanziellen Status erlaubt – ich behaupte sogar erwünscht sind. Weitere Sichtweisen auf finanziell Vernachlässigte sind auch im Gesetz auf diskriminierende Weise fest gelegt worden. Das Verfassungsgericht tut sich schwer, dagegen was zu unternehmen.

    Lustig ist das sicher nicht. Versucht das bitte auch unter einen soziologischen Aspekt zu sehen. Auch Volkswirtschaftlich ist das eine Katastrophe. Ich wohne selber in einen Vernachlässigten Straßenzug und ein Fahrrad ist eingetreten, wenn es über Nacht draußen steht.
    Wenn ich den Müll aufsammle und die Rasenkanten fast schon spießig absteche sieht die Umgebung sofort ordentlicher und gepflegter aus. Dann kann das Fahrrad sofort wieder draußen stehen.
    Leider ist der BGW das hier in Bielefeld offensichtlich völlig egal. Sie nehmen ihr Hausrecht erst war, wenn es darum geht Miete ein zu treiben. Aussage der verantwortlichen Person:“Hier wohnen eben nur asoziale Leute, warum soll ich mich darum kümmern.“
    Sogar die Gesetzgebung ist darauf ausgerichtet, das so was legal ist und ein soziales Kastensystem sich praktisch wie von selbst etablieren kann.

    Der Mechanismus der Broken-Window-Theorie wird meiner Ansicht nach politisch genutzt um einen neuen Faschismus in unserer Gesellschaft zu etablieren.
    Ich bekomme ehr Angst wenn ich mir darüber Gedanken mache.

  3. 3 Administrator 28. Januar 2009 um 17:22 Uhr

    danke für deine eindrücke. das ding an diesen verkürzten theorien ist halt, dass noch tausend andere faktoren mit rein spielen ob nachts sich an deinem fahrrad vergriffen wird. ich denke mal die hauptursache wird halt trunkenheit sein, und da hilft keine saubere rasengestaltung.
    wenn du dein eck ein bisschen hübsch machst, und dann andere auch irgendwie was schön machen oder mal ne bank rausstellen, dann ist das einfach gegenseitige inspiration und kommunikation.

    über solche geradlinigen ansätze wie die broken-window-theorie versuche ich mich mit dem text eher lustig zu machen. die kinder in dem haus haben wohl eher geschmiert weil ihre eltern sie den ganzen tag nur anschreien. sie dürfen in der wohnung nicht spielen, sondern werden in den hof geschickt, wo sie dann beim ballspielen wieder stress kriegen. also malen sie die bilder im treppenhaus weiter oder lassen plastiktüten im aufwind des innenhofs steigen.

    was ich bei dir aber so ein bisschen raushöre ist die ghettobildung und das verwahrlosenlassen armer gesellschaftsschichten. und das ist nicht mehr broken-window-theorie, sondern da würde ich deiner wahrnehmung einer faschistischen tendenz zustimmen. ich teile da deine befürchtungen. leute werden isoliert und ihre bedürfnisse sind keinen cent wert.

  4. 4 pink 06. Februar 2009 um 3:38 Uhr

    „Der Mechanismus der Broken-Window-Theorie wird meiner Ansicht nach politisch genutzt um einen neuen Faschismus in unserer Gesellschaft zu etablieren.“
    was für ne strange verschwörungstheorie.
    und wie kommt ihr überhaupt auf faschistoiden/faschistischen tendenzen – oder gar faschismus? lest euch doch mal die definition von faschismus durch (würde eh nicht schade, sich mal bisschen mehr mit der tollen deutschen geschichte auseinanderzusetzen), bevor ihr so waghalsige theorien in die welt setzt. zu faschismus gehört nämlich weit mehr als die angebliche getthoisierung von ner personengruppe.
    …by the way, ich hasse rasenkanten

  5. 5 Administrator 06. Februar 2009 um 20:37 Uhr

    was ist deine faschismusdefinition.
    in jedem geschichtsbuch kannst du nachlesen, dass der deutsche faschismus in einer demokratischen/bürgerlichen gesellschaft entstand.

    „angebliche“ ghettoisierung, steile formulierung – schau dich doch mal um in den „no go areas“ und „problemkiezen“. da wird armut zusammengepfercht in beschissenen wohnverhältnissen, und im kiez patroullieren sicherheitsteams und bullen. die abwesenheit von ner faschistischen gesamtordnung lässt nicht auf die abwesenheit faschistischer tendenzen schließen. sh. zB ansätze wie F-skala (adorno) zu faschismuspotential in der gesellschaft. ab wann machst du dir sorgen, muss ich mich da schon fragen? überfremdungsängste und rassismus, sicherheitswahn, ausbau von internetüberwachung und zensur, arbeitslosen-/armenviertel.
    mit der formulierung ghettoisierung wollte ich nicht einen vergleich zu den jüdischen ghettos im holocaust ziehen (falls das bei dir so ankam).

    rasenkanten sind mir sowas von egal.

  6. 6 pink 08. Februar 2009 um 0:40 Uhr

    http://de.wikipedia.org/wiki/Faschismus

    haha klar kann faschismus in bürgerlichen gesellschaften entstehen, aber was hat faschismus mit „ghettoisierung“ zu tun???
    außerdem, no go areas haben meist auch nix mit ghettosierung von oben zu tun (oder glaubst du wirklich, die regierung ist schuld an den kleinen nazi-dörfern, in denen sonst kein vernünftiger mensch mehr wohnen will?). und ich wohne in nem sogenannten problemkiez, aber nicht weil die regierung mich da hingepfercht hat.
    „da wird armut zusammengepfercht in beschissenen wohnverhältnissen, und im kiez patroullieren sicherheitsteams und bullen.“ das ist etwas dramatisiert oder?bzw. gib mir doch bitte mal nen beispiel, wo das so sein soll? bullen+sicherheitsteams finden sich übrigens eher am potsdamer platz als in irgendwelchen problemkiezen.
    und nochmal zur deiner faschismustheorie, ich find die zustände hier auch nicht besonders nett (antisemitismus etc etc), aber das hat nix (vor allem die punkte, die du genannt hast wie zb. „ghettoisierung“!!) mit faschismus im herkömmlichen sinn zu tun. finde es nicht besonders klug, so einen historischen begriff dermaßen inflationär zu benutzen.

  7. 7 Administrator 09. Februar 2009 um 15:38 Uhr

    wenn schon wikipedia, dann gibt http://de.wikipedia.org/wiki/Faschismustheorie mehr her.

    mit no-go areas sind nicht nur nazidörfer gemeint, sondern allgemein problemkieze, die zum krisengebiet erklärt werden (wie jetzt gerade mal wieder neukölln, nach dem raubmord in der hermannstraße). außerdem, zu deinem potsdamer platz mal, da stehen die cops in der seitenstraße und lungern rum, in neukölln fahren sie mit vollbesetzten wannen die hermannstr. runter und stressen leute. welcher kiez die schärfste überwachung hat wäre ja eh nochmal eine ganz andere frage, gerade in den alternativen kiezen sind heerscharen von ziviler polizei unterwegs (oder dramatisier ich wieder, schau dir nur mal die äußerungen der berliner polizei dazu an).

    ok, mir gings auch nicht darum, das jetzt faschismus zu nennen – was ich übrigends nicht gemacht habe: ich schrieb von tendenzen. weiß auch nicht worum es dir jetzt genau geht, aber einen text den du lesen kannst falls dich autoritäres vorgehen des staats in no-go-areas/problemkiezen interessiert ist „no go areas in berlin“ in dieser broschüre: failing sciences – embedded stakeholders

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