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Die Freiheit zu tun was ich will ist die einzige Freiheit. Mit solchen Ansprüchen im Hinterkopf haben die utopischen Träumer um 1968 sich neue Anti-Konzepte für das partnerschaftliche Zusammenleben gestrickt. Und irgendwie glaube ich, dass so manche heutige Liebesprobleme in eben diesen Konzepten wurzeln.

Es war einmal so, da wurdest du als Junge oder als Mädchen geboren, wenn du Mädchen warst wurdest du schon sehr jung einem Mann zugeteilt. Eine riesen Scheiße, mit Liebe hatte das nichts zu tun. Mit der Fortentwicklung unserer Gesellschaft wurde das dann anders, die Menschen pflegten religiöse Formen um ihre Liebe und Lust zu regeln. Jetzt wurde dann irgendwann halt geheiratet, Mann und Frau, und dann durfte ins Bett gegangen werden und für den Rest des Lebens treu und ausschließlich zum Partner gehalten werden. Dann kam ganz lange nichts, und dann kamen die revolutionären Linken und dachten sich neue Konzepte aus, wie die Anarchisten in Spanien, die revolutionäre Ehen schlossen. Das revolutionäre daran war, dass die Ehe jederzeit von beiden Seiten aufgekündigt werden konnte.

Die religiösen Formen der Partnerschaft zu zerstören traten dann besagte Utopisten seit den 60er Jahren an. Das Konzept dafür waren die Aufhebung von Verbindlichkeit und Bindung per se. Jedenfalls in der Theorie: Jeder mit jedem, denn es ist ja genug für alle da. Wer Vertrauen und ausschließliche Zärtlichkeit wollte, musste sich halt aus diesem Zirkus ausklinken. Die heutigen Linksradikalen haben auch ihre Konzepte für Beziehung parat. Aus der sie umtreibenden Einschränkung nicht bedenkenlos mit jedem Sex haben zu können, stricken sie immer noch Ideen wie die offene Beziehung und die Polyamory.

Zum ersten Konzept, der offenen Beziehung. Leute, die so etwas leben, haben eine verbindliche Zweierbeziehung in die sie immer wieder zurückkehren, und gestehen sich aber das Recht zu, auch mit anderen Leuten Lust und Liebe auszuleben. Wobei es wahrscheinlich mehr um Verlieben und Lust, als um Liebe geht. Klingt ja erst einmal nach einem geschickten Konstrukt, um möglicher Frustration in der bürgerlichen Zweierkiste aus dem Weg zu gehen. Wenn man gerade keine Lust aufeinander hat, befriedigt man sich halt anderswo. In der konservativen Ehe läuft so etwas ja über Pornographie oder Prostution. Und das hat tatsächlich einen einfachen Grund, denn hier ist die Ersatzbefriedigung virtuell oder eben per Geschäft klar geregelt. In einer offenen Beziehung steht der vagabundierende Partner jedoch einem anderen Menschen gegenüber, mit den gleichen Bedürfnissen von Lust bis im Falle des Falles auch Verbindlichkeit und Ausschließlichkeit. Die andere Person wird allerdings in der Hierarchie des Beziehungssystems untergeordnet, geht ja auch nicht anders, da danach wieder in den Schoß der Zweierbeziehung zurückgekehrt wird. Für die Außenstehende Person gibt es halt kurzfristige Lustbefriedigung, und das war’s dann. Dann bleibt nur zu hoffen, dass sich mit diesem Zweck abgefunden werden kann, weitergehende Bedürfnisse müssen zurückgesteckt werden. Von der bürgerlichen Form der Äffäre, also der unoffenen außerpartnerschaftlichen Befriedigung, unterscheidet sich der Ansatz nur dadurch, dass der Regelbruch keiner mehr ist, da eingeplant.

Polyamory will dagegen die Komplexität. Diese Praxis von Beziehungsführung will ein Netz von Partnern anlegen, alle wissen voneinander und vertrauen sich deswegen. Sie gestehen dem Einzelnen die Freiheit zu, ihre Liebe zu verteilen. Verbindlichkeit soll durch Offenheit und Planung erreicht werden. Aber schon mal versucht Liebe zu teilen? Das Problem das sich stellt, ist einfach zu umreißen. Die Zeit, Lust und Aufmerksamkeit, die ein Partner einem anderem zumisst, richtet sich danach wie sehr er sich zum anderen hingezogen fühlt. Die Einzelnen haushalten mit ihrer Liebe. Das Resultat ist nicht Freiheit, sondern hauptsächlich Unsicherheit und die Frage wie hoch man gerade vom jeweils Anderen eingestuft wird. Polyamory-Anhänger argumentieren für ihre Theorie damit, dass sich bei vollem Vertrauen ein positives empathisches Gefühl einstellt, das entgegengesetzt zu Eifersucht ist.

Was versuchen diese beiden alternativen Beziehungsformen? Eine Partnerschaftlichkeit zu etablieren, wo eigentlich Handlungsfreiheit erträumt wird. Eine Handlungsfreiheit, die es eigentlich nur für Singles geben kann. Die Freiheit zu entscheiden wann und wo sich ein Sexpartner gesucht wird, wie weit man – in Übereinstimmung mit den Interessen des jeweils Anderen- gehen will und über welchen Zeitraum. Was dann natürlich fehlt ist die Behaglichkeit und Verbindlichkeit der Zweisamkeit und so rollen sich dann wieder die anderen Konzepte auf. Einfach mal heiraten, vorher ein revolutionäres Ehegelöbnix und dann freie Lust? Oder doch Singledasein und um mehr Nähe zu schaffen, noch dicke Freundschaften mit den Sexpartnern pflegen, oder belügt man sich damit selbst? Eine Hippiekommune ohne Schranken? Oder ab ins Kloster? Ein polyamores Liebesnetzwerk oder nurnoch anonymen Sex?

Nachtrag: bessere Texte zum Thema:
Magnus Klaue – Das Ende der Diplomatie
Junesixon – Irrsinnige Assoziationen zur möglichen gesellschaftlichen Bedeutung von Liebeskummer