Eröffnung O2 World Berlin

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o2 world berlin eröffnung
Bild von Björn Kiezmann, Creative Commons by-nc Lizenz

Bericht über ein bisschen Umherschweifen und direkte Untersuchung im Protest gegen die Eröffnung der O2 Arena am Mittwoch den 10. September 2008.

Kurz zur Situation: Kurz nach einem erfolgreichen Bürgerbegehren gegen Mediaspree, das aber von der Politik weitgehend ignoriert wird, fand die Eröffnung eines großen Bauprojekts nahe des Spreeufers statt. Eine Veranstaltungshalle, von vielen Leuten als total hässlich empfunden, wurde im Kreis geladener Gästen gefeiert. Eine Woche vorher wurden gefakte Einladungen an die Bevölkerung verteilt, der Veranstalter reagierte mit Ausrichtung eines Volksfest am gleichen Abend mit Kapazität für 20.000 Gäste. Die Leute in der Gegend, die nicht so viel mit der Arena anfangen können, wegen belästigenden riesigen leuchtenden Werbeanzeigen und Eintrittspreisen die sich eher an Bewohner anderer Gegenden richten, blieben allerdings fern.

Für den gleichen Abend meldeten Mediaspree-Gegner eine Protestdemonstration an, deren Abschlusskundgebung direkt vor der Arena aber nicht erlaubt wurde, sondern in 300 Meter Entfernung stattfinden musste. Die Begründung hierfür war, dass es nur eine Straße an der Arena gibt, und diese dann durch den Protest blockiert wäre, was Probleme bei der Anfahrt der Gäste, der Sicherheit der VIPs und beim Einsatz von Rettungskräften hervorrufen würde. Blockaden lassen sich nun mal nicht anmelden :)

Zuerst also ein Blick auf die Demonstration:
„Wir gehen jetzt zum Büffet“ kommt markig aus dem Lautsprecherwagen. Die über tausenden Leute, die dahinter her trotten machten aber echt auch einen hungrigen Eindruck. Mit hängenden Schultern und ohne Parolen auf den Lippen latschten sie in Richtung Abschlusskundgebung. Ich war überrascht wie viele es waren und wie aussagelos die Demonstration bis auf das stylisch pink-silberne Fronttransparent „Weg mit der Scheißhalle. Keine Profite für Rechtsklerikale.“ war. Der zweite Teil ist eine doofe moralische Forderung, Profite also nur für Gutmenschen, normale Klerikale, politisch neutrale Profiteure? Inhaltlich gespalten bzw. vielfältig war dieser Protest, das wird in der folgenden Untersuchung vielleicht deutlich.

Ein Blick über die Spree zeigte patroulierende Wasserpolizeifahrzeuge und erste kleine Grüppchen an der riesigen Leuchttafel am Ufer. Ich machte mich auf den Weg um ein bisschen die nichtangemeldeten Proteste zu suchen.
Die internationalen Hedonisten hatten dazu aufgerufen in die Veranstaltung durch Verwendung schicker Klamotten einzusickern, der Aufruf wurde unter anderem in großen Tageszeitungen erwähnt, war also weitreichend bekannt. An der Warschauer Brücke bot sich daher ein ungewöhnliches Bild, Riotcops in schwarz gekleidet umzingeln junge Leute in teilweise ganz schön schlecht sitzenden Anzügen, da sie sie verdächtigen Protestler zu sein. Nach einer Weile wurden die Leute aber laufen gelassen und konnten sich zur Halle begeben.

Die Mühlenstraße, die zwischen Spree und Halle verläuft, war auf Seiten der großen Demonstration schon abgeriegelt, auf der anderen Seite konnten alle durch. Auf dem Platz vor der Halle bot sich daher ein kurioses Bild, überall Punks und junge Leute mit billigen Anzügen oder zumindest schicken Klamotten. Ein Radiosender verloste Karten für Grönemeyer, ohne auf allzu große Resonanz zu stoßen. Hier und da war schon Mediaspree-Versenken Material zu sehen. Vor der Halle Absperrgitter, Cops mit Hunden und Securities. An einem Ende des Gitters mussten sich dann Promis durch einen Mob von johlenden Aktivisten drängeln um hineingelassen zu werden.

Ungefähr bei Einbruch der Dunkelheit war das Festgelände mit Gegnern der Halle gefüllt, vereinzelt Transparente und Sprechchöre. Ein paar Leute hatten es in die Halle geschafft, teilweise ließ sich die Eingangskontrolle über die großen Parkplätze umgehen. In der Halle wurde Konfetti geworfen, O2 Logos zu NO2 Logos umgestaltet und ein nackter Arsch sowie ein Mediaspree-versenken T-Shirt präsentiert.

Draußen ging die Verlosung beim Radiosender in die zweite Runde, diesmal bewegte sich ein Großteil der Leute zu der kleinen Bühne. Ganz vorne standen dann noch Leute, die wirklich als Festgäste gekommen waren, dahinter eine große Menge von Gegnern. Als zwei auf die Bühne zum Gewinnspiel gebeten wurden, ging eine dritte Person mit hoch und griff sich ein Mikro für eine Ansprache, nach zwei Sätzen wurde es aber entrissen. Plötzlich waren noch ein paar Leute mit Protestfahnen auf der Bühne und zeigten diese eigentlich ganz friedlich. Innerhalb von 20 Sekunden stürmten Cops von vorne und hinten auf die Bühne, bekamen einen der Leute zu fassen und schmissen ihn zu Boden und sich zu zweit auf ihn drauf. Die hinterhergekletterten Journalisten wurden von einer zweiten Polizistengruppe von der Bühnenkante geschubst.

Auf Youtube gibt es ein ganz übersichtliches Video der Eskalation der Bühnenbesetzung, die Aufnahme der Besetzung beginnt als sich die Protestierenden gerade zurückziehen:
http://anonym.to/?http://youtube.com/watch?v=FQnSPM8Y774
Ein bisschen was ist auch im Spreeradio-Video zu sehen:
http://anonym.to/?http://spreeradio.com/Service/O2World/O2-World-Spree-Buehne.wmv

Hier noch ein paar Bildchen, die hässliche Fratze der Demokratie :)
bühnenbesetzung spreeradio o2 world eröffnung
Bild 1: Bühnenpräsentation Spreeufer für alle
Bild 2: Bühnenperformance Catch me if you can
Bild 3: Bühnenperformance Facesitting
Bild 4: Journalisten über die Kante schubsen
Bild 5: Und weiter
Bild 6 (kleines Bild): Mr. Pressefreiheit 2008 an den Herrn in Grün, der 3 Journalisten von der Bühne fegte

spekulative Details: Die Angabe die in der Presse kursierte (in die Welt gesetzt vom Radiosender), dass ein Lautsprecherturm beschädigt wurde, lässt sich nach dem Youtube-Video nicht bestätigen: bei 1:55 ist zu sehen, dass nach der Besetzung noch beide Lautsprecherständer stehen. Das einzige was umfiel waren die beiden mit Luft gefüllten Werbesäulen, die dürften aber mitnichten kaputt gegangen sein. Und das einzige was da durchs Bild fliegt sind 2 Klopapierrollen. Insgesamt eine lautstarke und entschlossene Aktion, aber Sachbeschädigung kam darin nun wirklich nicht vor.

In der Menge tauchten jetzt 2 große Transparente auf: „Luxus für alle“ und „Aus dem Weg Kapitalisten“. Rote und schwarze Fahnen wurden geschwenkt, ein „Our World ist better than O2-World“-Schild hochgehalten. Nach einem kurzen Blitzlichgewitter für dieses Material bewegten sich alle recht flott zur Halle, die wenigen Bürger, die dort aufs Feuerwerk warteten fanden das Anfangs noch interessant, gingen dann aber recht schnell zur Seite, als die Greiftrupps der Polizei nach einigen Minuten durch die Menge stürmten um sich die Transparente und Transparenthaltenden zu schnappen.

Hier zeigte sich dann die eine Seite des Protests: eine große Menschenmenge, die „Abreissen!“ fordert, ganz im Sinne eines Aufstandes gegen die hässliche Architektur… Die Leuchtschilder, die an Ufer und Brücke stehen werden ja übrigens auch seit Installation von Securities bewacht, denn es gab immer wieder Farbanschläge, unter anderem mittels hunderter Schüsse aus einer Softair und mittels Farbbeuteln. Dieses mal wurden nur kleine Filzstift-Veränderungen an den Logos in der Halle vorgenommen, rührte das Rumgejammer über „gewaltbereite Demonstranten“ in der Eröffnungsrede also darin dass wirklich gedacht wurde die Autonomen würden wie proklamiert die Halle abreißen…? ;-)

Eine weitere Seite war durch das teilweise queere Erscheinungsbild des Protest repräsentiert, damit wollten einige ein Zeichen gegen den homophoben Investor Anschütz setzen. Siehe auch Ankündigung im genderblog.

Die dritte Seite, die ich so wahrgenommen habe, war eben das Agitieren gegen Leute die sich die Eintrittsgelder leisten können, gegen VIPs, „Reiche“, Privilegierte, usw. So versuchten dann Nachts noch Leute die Zufahrtsstraßen zu blockieren um die „Porsche“ beim Abfahren zu behindern.

Die Straße zur Arena war übrigens ab circa 20-20:30 Uhr auf beiden Seiten für alle gesperrt, da die Polizei wohl gemerkt hatte, dass hauptsächlich Hallengegner sich versammelten. Auf Wegen, die hier einfach mal unerwähnt bleiben (Kreativität soll belohnt werden…), schafften es trotzdem noch einige zum Platz vorzudringen. Ich schätze dass circa 100 „normale“ Besucher, die also einfach nur wegen des Fests oder des Feuerwerks gekommen waren, vor Ort waren. Viele ließen sich vom Protest unterhalten und saßen wartend auf den Mäuerchen. Die Bierstände schlossen recht schnell mangels Kunden, und nachdem die Gewalt von Seiten der Polizei eskalierte, als sie also anfingen immer wieder durch die Menge zu rocken, verließen noch mal viele das Fest.

Eine zweite Demonstration mit 50-100 Leuten lief vom RAW-Gelände (dort ein großes Schild mit H4-World: Welcome to Hartz4-Arena Berlin) runter bis kurz vor die Oberbaumbrücke, dort gabs es dann noch eine lange Kundgebung, die nach dem Feuerwerk der Arena endete.

Verschiedene Leute, die ich angesprochen habe, weil sie offensichtlich entrüstet waren über die Protestaktionen, äußerten dann Verständnis für den Protest gegen Homophobie und waren dankbar über die Information, zeigten aber Unverständnis für die Hetze gegen Reiche. Sie meinten, dass man eben ein bisschen sparen müsse um sich einen Abend in der Arena zu gönnen und dass das eben etwas besonderes sei. Genau hier müsste man diese Leute abholen und ihnen Argumente zeigen, die gegen die Kontrolle von Bedürfnisbefriedigung durch Armut sprechen, statt dumpf gegen die zu wettern, die nicht arm sind. Zum Thema des Aufstandes gegen die Architektur: Wie der Bau aussieht war ihnen egal, das Spreeufer nahmen sie als Freiraum war, an dem Leute sich entspannen können (am Ufer in der Sonne sitzen oder in die Bars gehen), sie fanden es blöd dass hier soviel Neubauten entstehen sollen und dass der neue Anlegeplatz videoüberwacht ist. In Gesprächen mit Leuten aus Friedrichshain-Kreuzberg, wird auch oft nicht die Halle an sich, sondern die leuchtenden Werbetafeln vorne und hinten am Bau, sowie am Ufer und an der Brücke als das was nervt und die Gegend hässlich macht empfunden.