megaspree

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In Zeiten von Twitter-Aufmerksamkeitsspannen am Besten das Resümee an den Anfang:
#megaspree #gentrifizierung #mediaspree #bar25 #bachstelzen #ms-versenken Protestspektakel Megaspree gegen Mediaspree und andere Unanständigkeiten vereint vielfältige Anliegen. Vor Ort gesehen: Erhalt des alternativen Kulturbetriebes (Bar25), scheinbar radikales gegen Mietsteigerung, Privatisierung und „Verdrängung“ (Gruppe Soziale Kämpfe), Appelle an Wowereit (MS versenken), Skandalisierung der Nichtumsetzung des Bürgerentscheids (Bachstelzen). Fehlende Reflektion der eigenen Rolle läd zur Mob-Bildung bei den Konsumenten des veredelten Hippietums ein.

Hier noch in gebotener Ausführlichkeit und trotzdem recht knapp Eindrücke und Gedanken zu Megaspree:

Unfassbar scheint die kapitalistische Stadt für die Kulturbetriebe im Spreebereich zu sein. So unfassbar dass sie nur als Umstrukturierung, also Veränderung, begriffen wird. Das Elend des Normalzustandes: Versuchen zu Überleben auf dem Markt, also das Ringen aller um ein kleines Stück vom Kuchen, bleibt außen vor. Inwiefern: Es wird nicht in Bezug gesetzt zur eigenen Situation.

Politik vor Ort und auf dem Papier

Politisch wird das alles schnell sehr wirr. Da haben wir erstmal die radikaler, zumindest vom Gruppennamen, daherkommende Gruppe Soziale Kämpfe und andere linke Gruppen wie beispielsweise die Tempelhof-Initiative. Wie oben schon angedeutet richten diese Gruppen ihren öffentlichen Protest gegen die Stadtumstrukturierung: „Bezahlbaren Wohn- und Lebensraum für alle.” heißt es im Aufruf. Schöner Wohnen im Schlechten Leben, und falls das klappt fordern wir das gleiche für die ganze BRD, danach für die EU und dann … Doch das ging jetzt ein bisschen schnell, ich will mit diesem Text eigentlich bei Betrachtung des Protests bleiben und nicht gleich Verkürzung! rufen.

Immerhin besser als das Plakat mit grauen Häusern, einer Kamera und einem Dollarzeichen an der Jannowitzbrücke. Gegen Überwachungswahn und grauenhafte Architektur zu sein ist richtig, aber das Dollarzeichen dient als Symbol nur der falschen Identifikation von schlechtem Leben mit amerikanischer Währung bzw. Amerika an sich.

Lichtblick ist da schon ein Protestschild auf dem „Gästeliste für alle“ steht, denn endlich mal eine radikale Maximalforderung. Weitere Politkuriositäten hingegen: Mediaspree zu versenken wird an Wowereit delegiert: „Wowi tu was“ steht auf dem MS versenken Wagen, irgendwas zwischen soo witzig und Verzweiflung ob des Gefangenseins zwischen den Rollen der Bürgerinitiative und Lobbygruppe. Und was zur Hölle wollte eigentlich Ströbele mit seiner Pace-Fahne? Genervt hat auch die Piratenpartei die in altbekannter Parteimanier wie die Leute von „Revolution“ vor und neben dem Protest ihre Fahne schwingen.

Es geht mir nicht darum, zu kritisieren, dass der Protest sich an gegenwärtiger Stadtpolitik „von oben“ abarbeitet und Stadtpolitik „von unten“ starkmacht. Inwiefern Stadtpolitik von unten überhaupt thematisiert wird wäre sowieso die zu stellende Frage, die Grundausrichtung des Bündnisses ist die politische Forderung nach Erhalt von Nischenkultur. Es geht darum bloßzustellen wie dieser sachliche Kern der Bewegung verschleiert und gedämpft wird durch das Selbstbild der Akteure. Also weiter im Text, sehen wir uns die Kulturbetriebe an:

Fragen der Ästhetik

„Dieses Haus ist häßlich“, tönt es vom Bar25 Wagen. So eingeklemmt zwischen einem johlenden Mob der Leuten in Freakoutfits bei jeder Blödsinnsparole für ihre Technobretterbude zujubelt und dem modernen Glasbau auf der anderen Seite würde ich als erstes zumindest auf Geschmackssache plädieren. „Wir machen Kultur, ihr macht Krise“, ist die nächste Parole, das neue Lieblingsthema der „Linken“ neben Gentrifizierung: Darauf hinzuweisen das einem die Finanzmarktakteure irgendwie den Kapitalismus versaut haben.

Ich will durchaus die Bar25 (und die ganzen anderen „Alternativläden“) nicht dafür kritisieren dass sie im Konkurrenzmarkt rumsteht und ihr Kulturzeugs macht, das könnte sie sicher besser ohne. Ich bin dort hingegangen um zu sehen wie die Leute agieren, argumentieren und reflektieren, die die Auseinandersetzungen um den Stadtraum zum Thema machen. Teilnehmende Beobachtung in der alternativkulturellen Bewegung in der kapitalistischen Stadt…

gästelisten für alle megaspree

Kulturbetriebe im bedrohten Zustand

Die Kulturarbeiter der Bar25 sind aber auch in einer schwierigen Rolle: Hippies an der Spree, die ihren Betrieb selbst verwalten und teure Speisen verkaufen, sowie noch ganz viel bunt und vielfältige Zirkus-, Theater-, Techno- und sonstige Veranstaltungen laufen haben. Speziell für sich können sie reklamieren, dass die auf sie folgende Brachfläche (da es noch keine Pläne nach Auslaufen ihres Zwischennutzungsvertrags gibt) tatsächlich eine große Blödsinnigkeit darstellt: Nichts statt Kultur. So gedeutet macht auch ihre Parole „Wir haben Ideen, ihr habt Nichts“ Sinn, denn grundsätzlich wäre festzuhalten Bar25 hat Kapital und ein Konzept und „Die“ haben das auch, nur halt so wie es euch nicht passt.

Doch kommen wir zurück zum Selbstbild: die Bar25, das Watergate, Cassiopeia und all die anderen Clubs die sich ihren Teil privatisiert haben und gegen Eintritt Vergnügen anbieten, sehen sich jetzt in der Rolle den Prozess zu skandalisieren, dass sie aus diesem Gebiet verschwinden und Kulturbetriebe durch Medienbetriebe ersetzt werden sollen. Und das Publikum macht mit bei diesem Protest. Die Arbeiter und Konsumenten der O2-World und von Universal und MTV sind im Gegensatz dazu anscheinend zu schlecht organisiert oder weniger mit ihrer gesellschaftlichen Funktion identifiziert, als dass sie eine Gegendemonstration durchführen würden.

Denn darauf läufts hinaus wenn man Parolen wie Arbeitsplatzerhalt durch die Gegend trägt: Arbeit gegen Arbeit, alternative Konsumenten gegen Massenkonsumenten: Megaspree statt Mediaspree. Die Nische gegen die Normalität: Kunst- und Kulturschaffende, ClubbetreiberInnen, politische Gruppen und Freiraum- bewohnerInnen, „die von den derzeitigen Umstrukturierungsprozessen betroffen sind“. Diese Leute befinden sich also nicht in einem Bündnis weil sie ihre Marginalität im profitorientierten System erkannt haben, sondern weil sie gemerkt haben, wozu diese Marginalität führen kann: dass sie machtlos verschwinden sollen wenn größere Geschäfte gemacht werden sollen.

Realos

Der Unterschied zum Bachstelzenwagen besteht zumindest darin, dass bei Letzerem einfach durchgehend Techno gespielt wurde (um die Ansprüche der eigenen Kultur vorzuführen, bzw. vorzutanzen) und als Höhepunkt ein Jingle über die Nichtumsetzung des Bürgerentscheids gegen Mediaspree zu spielen. Also darauf hinzuweisen, dass Stadtpolitik „von unten“, „von oben“ nicht anerkannt wird. Hier tanzt der Rave der nächsten Generation nach der Bar an der Spree: nomadische Partyorganisatoren mit Realo-Publikum.

Spreeufer für alle!

Der allseits proklamierte und erhaltenswert genannte öffentliche Raum am Spreeufer wurde erst von der O2-World hergestellt, auf deren Vorplatz und Bootsanleger lässt es sich nun umsonst tummeln, unter Werbetafeln und Überwachungskameras. Das ist die zynische Realisierung der Forderung nach öffentlichem Raum, den öffentlichen Raum zu kritisieren statt zu fordern wäre also angebracht.

Übrigbleiben

Doch es gibt derzeit keine andere Bewegung gegen die kapitalistische Stadt, also kann es nur darum gehen die existierende weiter kritisch zu begleiten. Ohne die Bar25 wäre Berlin sicher nicht so angenehm wie es für einige ist. Aber bitte nicht vergessen, diese Stadt ist nicht schön, so wie keine Stadt heute schön für Alle ist. Den Nachbarn ist ein müder Trost, dass ihnen kostenlos ein bisschen vom Bass abgegeben wird während sie sich von ihren Jobs erholen oder sich die Arbeitslosigkeit in diesen ach so bunten und vielfältigen Studentenbezirken schönsaufen.

Bei der Megaspree Parade wurde gegen sie geredet: ihnen vorgeführt wie gefeiert wird hinter den Mauern die sie nicht betreten, ihnen gezeigt wie viel Fröhlichkeit in den ewig jungen Leuten steckt die ganz prekär und selbstbestimmt in kleinen Läden sich so durchwurschteln oder sich in den Ausbildungsstätten die eigene Arbeitskraft aufwerten lassen. Dass viele Parolen zynisch oder ironisch waren liegt in dieser wirklichen Spaltung von der Gesellschaft, diese kann und soll die Anliegen nicht verstehen, denn die Anliegen betreffen sie nicht. Nischenkultur braucht ihre Toleranz, nicht ihre Beteiligung. Doch die Illusion von Nichtbeteiligten Engagement zu erwarten macht sich niemand der Protestierenden, deswegen wird gleich direkt an die Politik appelliert. Falls es nun irgendwer bis hier durch den Text mitgemacht hat ein Vorschlag: denkt es doch mal andersrum, was wäre wenn die Alternativkultur beginnt die eigenen Bedingungen mit den Lebensbedingungen Aller in Beziehung zu setzen und die Kommunikation darüber beginnen würden? Wer nun behauptet das würde längst passieren, dem hier noch eine letzte Anekdote dieser Tage die das Gegenteil zeigt: auf einem Technoblog kamen die Leute über die Suchanfrage „Megaspree Festival“ an, da das Plakat so schlecht das Thema kommunizierte dass nur ankam „es gibt was zu feiern“.

Es gibt nichts zu feiern

Was steht an? Das was immer ansteht. Die Stadt erforschen, mit Blick auf Ökonomie, Psychologie, Herrschaft und Kämpfe. Nichts erwarten von Parteien. Demokratie und Alles für Alle im Auge behalten. Und sich nicht erst organisieren wenn der eigene Spielplatz geschlossen werden soll.

megaspree
dieses bild sieht bedeutsam aus, ist es aber nicht. und der megaspree-protest?


6 Antworten auf “megaspree”


  1. 1 Max freut sich immer 12. August 2009 um 10:42 Uhr

    Es ist immer wieder erstaunlich mit welcher „Wirklichkeitsfremde“ (gerade hier im el-Blog) umgehend berechtigte Forderungssteller ( Bar 25, Cassiopeia etc.) in die „andere Ecke gestellt werden“ da sie nunmehr eine „wirtschaftlichen Betrieb haben….mit dem sie gegen Geld Vergnügen für andere bieten“ (so ähnlich steht es im Text). Hinweis : Der Autor ist an keinem dieser Unternehmen wirtschaftlich beteiligt – sondern auch nur ausschließlich Nutzer dieser „Angebote“

    Alle Formen des Lebens in dieser Stadt haben einen Geldbedarf !

    Wenn die verfehlte sozialiste Politik ( oder die sich dafür ausgibt) kulturellen- und sozialen Räumen immer mehr Geld entzieht um „parteibuchorientierte Versorgungspolitik“ zu betreiben (i.ü. eine Lieblingsbeschäftigung der linken Politik !) müssen sich die Betroffenen neue Wege suchen.

    Bar 25 oder Cassiopeia u.a. tun dies – und schaffen sich dadurch Freiheit zur Selbstentscheidung – und begeben sich ins Niemandsland (von einigen linken Kreisen ausgestossen – siehe Blog – von den Etablierten als stressig nicht akzeptiert – chapeau – sehr mutig)

    Seit Jahrzehnten gibt es die gleiche Diskussion – manchmal wird sie zögerhaft falsch umgesetzt :

    Warum treten eigentlich nicht die Forderungssteller (Mediaspree versenken / Megaspree z.B.) in die namhaften Parteien ein ?

    Klar ist es widerlich mit erfolg- und arbeitslosen Rechtsanwälten um die Wette zu labern (die ja hier auch nur ihre Zukunftsmöglichkeiten ausloten) oder mit Beamten die für so was freigestellt werden (bei bleibendem Gehalt) sinnlos Arbeitskreise zu gründen weil die einfach nicht nach Hause wollen nach 20 Jahren Ehe.

    Aber Freiheit und Erfolg haben halt immer ihren Preis – seit Jahrhunderten – dafür haben Leute schon ganz andere Opfer gebracht.

    Audi A8 anzünden o.ä. gehören i.ü. nicht dazu.

    Anstatt also mit dem „Arafat Schal“ durch die Simon Dach Str. zu laufen dürft ihr euer neues Tattoo ruhig mal auf der nächsten Ortsvereinsversammlung von SPD,CDU,Grüne oder FDP zeigen. Zur OV Versammlung der „Linken/PDS“ würde ich allerdings vorsichtshalber meinen Cordhut und die Hornbrille mitnehmen (das Markenzeichge der „Internationalen“) sofern ich männlichen Geschlechts bin – Frauen könnnen sich ja da am outfit von Frau A.M. orientieren.

    Alle 2 Jahre sind dort OV Wahlen – dann alle 5 J. BVV Wahlen usw. – einfach mal nachlesen.

    Damit Euere Ideen nicht so enden wie ein 50 jähriger Ex-Body-Builder am Strand (mit dem gleichen „Erolg“ und frustrierenden Einsichten) daher mein Vorschlag : Nicht daran arbeiten was man nicht (!) will – sondern daran was mit will – allerdings mit Erfolgskonzept.

    Mal Roland Berger fragen – nicht Roland Kaiser.

    In diesem Sinne : Gutes Verändern !

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