Das begrüßenswerte Ende des Aktivistentums

überarbeitet März 2011
ende
Der Versuch, aus der Analyse des Scheiterns eine Überlieferung zu schaffen, die genau dieses Scheitern und nicht den Mythos des Davor zum überliefernswerten Inhalt macht.

Seit den 90er Jahren zeigte sich weltweit eine Widerstandsbewegung, die mit neuen Formen des Protests und neuen Organisationsansätzen aufwarten wollte und konnte. Doch der real existierende bürgerliche Anarchismus in Form von Einzelaktivismus privilegierter Mittelklasseindividuen führte zur Desorganisation dieser Bewegung und damit zu ihrer tendenziellen Stilllegung.

Ausgehend von den 1994 beginnenden Aufständen in Chiapas, Mexiko formte sich eine Bewegung der Bewegungen, die versuchte die vielfältigen Kämpfe sozial Benachteiligter global sichtbar zu machen. Auf Konferenzen (unter dem Label Peoples’ Global Action) wurde sich vernetzt und begegnet, bei globalen Aktionstagen Aufmerksamkeit erzeugt und sich kontinuierlich inhaltlich und materiell unterstützt. Organisiert unter den Bedingungen des postfordistischen und neoliberalen Kapitalismus: Privatisierung, Ende der kommunistischen Parteien, Perspektivlosigkeit der Organisationsansätze, Unsichtbarkeit der sozialen Kämpfe, Versuche neuen Fragestellungen im Zusammenhang mit Rassismus- und Sexismustheorie gerecht zu werden.

Die Organisationsprinzipien waren gegen Stellvertretungstum gerichtet, nicht mehr wie in den alten Anti-Imp Bewegungen sollten die Linke in der „Ersten Welt“ für die Kämpfe in anderen Regionen sprechen und handeln, sondern vielmehr die Kämpfe als aufeinander bezogen begriffen werden. In ihrer politischen Ausrichtung waren diese Bewegungen meist diffus antikapitalistisch, im Sinne dass ein Widerspruch zwischen Kapital und sozialen Basisbewegungen aufgemacht wurde, wobei antiinstitutionelle Ansätze vorherrschten die sich gegen die Formen der Partei und der Lobby richteten. Durch eine mit Wertkritik getönte rosa Brille betrachtet lässt sich die Form des Antikapitalismus der Widerstandsbewegung als materielle Gegenbewegung gegen das Wertprinzip verstehen, wenn die Bewegungen nämlich anfangen Alternativ- und Schenkökonomien lokal aufzubauen.

Sich als Aktivist_in zu verstehen wurde besonders in Europa und den USA zu einem Privileg. Über Emaillisten mit der ganzen Welt verbunden zu sein, in jeder größeren Stadt einen Schlafplatz sicher zu haben, dabei aber nicht hart arbeitend in der Fabrik militante Untersuchungen durchführen zu müssen, sondern in dezentralisierten Szenen zu arbeiten, die längst emanzipiertere Sprechweisen, Umgangsformen und eine Autonomie, die zumindest billigere Freizeitgestaltung (Umsonst: Kino, Vorträge, Billig: Soliparties, Voküs) ermöglichte.

Unter dem Schein einer großen Gruppenvielfalt transformierten sich aber die Netzwerke der Basisbewegungen zumindest in Europa zu Netzwerken von Einzelaktivisten. Was vorher noch den Anschein von Gruppen in Netzwerken hatte, wobei nie ganz klar war ob der Infoshop in dieser und jener Stadt eigentlich von einer Person oder von einer lokalen Basisgruppe betrieben wurde, ging nun vollends über in die Vereinzelung des Individualaktivismus. Die Zersplitterung der Arbeitsbewegung in den Einzelwiderstand und die Sabotage am Arbeitsplatz wurde in den sozialen Bewegungen der „westlichen Welt“ quasi nachvollzogen und führte dazu dass lokale Initiativen und autonome Kollektive wieder vom Netzwerk des globalen Widerstands abgekoppelt wurden. Denn die Nachrichten über lokale Alternativen kamen nur noch gefiltert durch die Flaschenhälse der EinzelaktivistInnen an, also moderiert. Wenn diese Moderatorenfunktion dann auch noch institutionalisiert wurde, wie in Form der nach und nach nicht mehr rotierenden Funktion der Administration und Moderation der Emaillisten und Webseiten der Bewegungen, entstanden zusätzliche Hürden für die wirklichen Bewegungen sich zu artikulieren.

Die Aktionstage stellten nichts mehr dar außer spektakuläre Events von Gipfelhoppern, in denen keine Bewegungsnetzwerke mehr geknüpft wurden und in denen Autonomie abseits der temporären Strukturen der Camps kein Thema mehr war. Vielmehr tappte die Bewegung in Europa in die Falle der Repräsentation. Der Zorn gegen kapitalistische Verhältnisse wurde gegen die Gipfel der Regierungen dirigiert und sich massenhaft in die Organisationsstrukturen von Attac und den Parteien eingegliedert. Die Bewegung der Bewegungen hatte ihren Ersten Mai gefunden, einmal im Jahr mit Sack und Pack, mit Fahne und Zelt auf die Straße bzw. Wiese zu gehen und den Rest des Jahres darüber zu schreiben warum es wichtig sei diese Tradition fortzuführen. Die Traditionsbewegung der Globalisierungskritiker gibt es als Traditionsverein, Attac, Traditionsprodukt, Chiapaskaffee, und natürlich die Traditionszeitung, Indymedia.

In Europa sehen wir das Ende des Individualaktivismus. Die Mobilisierung zur europäischen PGA-Konferenz 2008 scheiterte, nur wenige nahmen teil und bis heute sind keine Ergebnisse veröffentlich worden [nun hier]. Dissent verschwand nach dem G8 Gipfel 2007 in Heiligendamm von der Bildfläche quasi als Paradebeispiel einer Gipfelmobilisierung mit Nullperspektive. Homepagelinks gehen massenhaft ins Leere. Diese traditionellen Labels der autonomen Bewegung sind wieder unsichtbar geworden. Längst reicht es bei schwerwiegenden Konflikten in linken Bewegungen nicht mehr sich zu spalten oder einzelne auszuschließen, heute zerbrechen ganze Labels weil sie so stark auf der Traditionspflege und Kontinuität einzelner basierten die nach einiger Zeit ausbrennen und sich zurückziehen. Sind die autoritären Teile endlich ausgeschlossen dümpelt der Rest vor sich hin, Disziplin ist im Individualaktivismus der Kritik von Disziplinierung und Autoritäten nachgeordnet.

Die Individuen machen die schmerzhafte Erfahrung des Stillstandes, nämlich die Erkenntnis, dass Bewegung nicht dadurch entsteht dass Leute sich bewegen, sondern dadurch dass Leute sich organisieren und gemeinsam Bewegungen formen. Angesichts des bedauernswerten Zustandes des Spätaktivismus, der Ruhe der Nichtbewegungen und der damit verbunden Entschleunigung und dem Schweigen der Netzwerke sind emanzipatorische Bezugsgruppen auf sich selbst zurückgeworfen.

Untersuchen wir als Beispiel die autonomen Medien, allen voran Indymedia. Indymedia wurde im Kontext der oben skizzierten Bewegung der Bewegungen gegründet um die Berichterstattung über selbige sichtbar zu machen. Mit der tendenziellen Unsichtbarkeit der Netzwerke und der stark und teilweise undurchsichtig bis willkürlich moderierten Kommunikation an der Schwelle der autonomen Medien wurden diese traditionellen Strukturen mehr und mehr überflüssig. Die Struktur von Indymedia hat sich als zudem als angreifbar erwiesen, mittels transnationaler Hilfegesuche konnten in Europa schon Indymediafestplatten grenzübergreifend beschlagnahmt werden. Die Zentralität der Webseite war also doppelt problematisch. Ähnlich verhielt es sich mit schlecht abgesicherten Emaillisten, die vor Ort gehostet wurden und nurnoch von der Polizei abgeholt werden mussten, so geschehen in Berlin. Während sich die Netzwerke und autonomen Medien entschleunigten, auf alte Software, Organisationsprinzipien und Strukturen setzen, beschleunigten sich die Möglichkeiten von modernen Medien aber entgegengesetzt dazu enorm. Autonome Blogserver, gut abgesicherte Emailhoster und verfügbarer Speicherplatz für die Publikation autonomer Medien auf einer Vielzahl von Servern bietet den Ausweg aus der Misere der auf so vielerlei Weise veralteten autonomen Medien.

Doch zurück zur Geschichtlichkeit der Bewegungen der Bewegung (hier einmal absichtlich anders herum). Wenn also nach und nach die Kontakte abbrachen, Machtpositionen ausbrannten und Netzwerke ihre Aktivität einstellten, führte das zu Unsichtbarkeit und Diffusität der Gesamtbewegung. Die soziale Bewegung starb also wiedereinmal einen ihrer vielen Tode, die Bewegung der organisierten Arbeitenden gegen das Kapital war längst verstummt, und nun verstummt die Bewegung der organisierten Menschlichheit gegen das Kapital. Der Fehler im Konzept war jener, dass ein Scheitern nicht vorgesehen war. Die sozialen Bewegungen wollten siegen: für eine Welt in der für alle Platz ist, der Friede des Unterschiedlichen. Dieser Sieg sollte errungen werden durch das Zurückdrängen des Kapitals und Etablierung von Autonomie allerortens. Diesen Sieg denken zu können würde bedeuten sich die Utopie vor Augen führen zu können, was ja bekanntermaßen unmöglich ist.

Die Vorstellung des Endsiegs ist jedoch oft mit der Vernichtung des Störenden verknüpft, und so mancher Teil der Gipfelstürmer hatte wirklich die Vorstellung, dass nur die wichtigen Treffen der Regierungschefs ausgeräuchert werden müssten um dann jenseits von ökonomischer Umwälzung die neue Welt an Ort und Stelle für erkämpft zu erklären, als Alternative kursiert dann nur die realanarchistische Vorstellung einer Welt in Trümmern, wo von vorne angefangen wird. Sich über die realen Trümmer der bürgerlichen Welt hinaus zu entwickeln ist die große Frage, die in der Hitze eines Gipfelsturms außen vor bleibt. Autonomie hat vom Konzept her nichts mit Vernichtung zu tun, sondern mit Ausweitung des eigenen Ansatzes. Eine Bewegung, die aber nur Verdrängung wahrnimmt und mit Vernichtungsdenken antwortet (T-shirts mit Gräbern als „New homes for the rich“, etc.) denkt ihren Sieg im Positiven und ihren Kampf im Negativen, statt wie es Not tut, den Sieg als Utopie zu nehmen und den Kampf als Gegenstand:
Den Prozess des Zurückdrängens Denken zu können, gleichermaßen wie das Zurückgedrängtwerden Denken zu können, bedarf aber eines Bewegungsbewusstseins, dass sich nunmal über Kommunikation, Netzwerke und Medien rührt. Die Scham der Bewegung ihr Scheitern zu dokumentieren resultierte aus dem Egoismus der Individualaktivist_innen. Im Spektakel des Aufstandes gegen das Kapital war es möglich Karriere zu machen. Die Namen der Gipfelstürmer prangen nun auf Büchern, die Gesichter von ehemals hinter den Masken sitzen an Diskussionstischen. Es ist wieder en vogue aus dem Protests hervorzutreten und schlauer und wichtiger als der Rest zu sein. Vom Steinewerfenden zur Reformphilosophin oder auf einen Sessel in einem bürgerlichen Parlament. Oder viel kleiner gedacht: es war befriedigend in einer Welt, die auf die Überflüssigkeit und Sprachlosigkeit der Einzelnen zielt, in den erkämpften Räumen und Bereichen der Autonomie wichtig zu sein und die Stimme erheben zu können. Diesen Wichtigtuern entgegen zu treten bedeutet diese Räume und ihren Status quo nicht als Ziel der Wünsche zu begreifen, sondern auf dem Kampf um ein besseres Leben zu beharren.

Anonymität ist erforderlich um Autonomie zu organisieren, unter dem kollektiven Pseudonym der Gruppe können gemeinsame Analysen veröffentlich werden und einzelne geschützt werden, vor dem Knast des bürgerlichen Staats und vor der Gewalt der Genossen, nichts ist friedlicher und sicherer als eine Diskussion, die auf kollektiver Erfahrung beruht und ohne die Egolabel der bürgerlichen Individuen stattfindet.

Immer noch schließen sich Leute in Bewegungen zusammen, um die wirkliche Bewegung die den jetzigen Zustand aufhebt sichtbar zu halten, die Kommunikation dieser Tendenz zu ermöglichen und den Begriff der Freiheit antibürgerlich zu subvertieren. Letzteres soll heißen: Freiheit jenseits der Totalität von Gesellschaft. Als Bewegung gedacht: Autonomie ins Verhältnis gesetzt mit Transformation.

Der Luxus von relativer Sicherheit und Freizeit bedeutet sich entscheiden zu können, an der Bildung zu arbeiten, die die Transformation begründet. Und Autonomie als Stärkung der Freiheit aufzubauen, nicht als abgeschlossenes Kollektiv und schon garnicht für sich selbst, sondern als offene und daher deviante Form. Beschränkt auf Materielles denkend kann das alles sein, vom Produktionsmittel, zum Common (frei verfügbare Nicht-Ware), vom Kommunikations-raum oder -mittel zum Infohub oder Bibliothek, (usw.) das Prinzip zählt. Die anschließende Herausforderung ist natürlich, dies nicht nur auf Ebene einer Subkultur denken zu können, sondern die rücksichtslose Kritik des Staates und die Vorstellung von demokratischer Koordination von Produktion und Versorgung in Einklang zu bringen, nur möglich als Vorstellung einer Bewegung durch das Bestehende hindurch, einer wirklichen Transformation, und nicht eines Zerschlagens mit Rückschritt auf vorherige Gesellschaftsformen.

Das Ende des Aktivistentums bedeutet auch eine Ende des Aktivismus (im Sinne praxisorientierter Bewegung), denn alle Zusammenschlüsse, die Denken und Tun als getrennt begreifen, können sich mit ihrer Form nicht auf Transformation der Wirklichkeit (also das gesellschaftliche, gesamte, Denken und Tun) beziehen. Wird Aktion nun in diesem Sinne als etwas begriffen, das keinen anderen Nutzen haben darf als die Aktivität und damit Transformation der gesamten Wirklichkeit anzuregen, so muss betont werden, dass das was als Theorie, also Nichtaktion, isoliert und von Aktivisten verpönt ist, dies am Grundlegensten leistet, da sie das Denken vermittelt, das zur wirklichen Aktivität befähigt.


9 Antworten auf “Das begrüßenswerte Ende des Aktivistentums”


  1. 1 sum1 13. November 2009 um 22:17 Uhr

    Sehr prägnant und treffend zusammengefasst, bis auf das Fazit bzw., die Aufgaben für die Zukunft die in einem verschwurbelten Bandwurmsatz untergehen.


    el, märz 2011: fazit ist überarbeitet

  2. 2 Heiko 25. November 2009 um 14:00 Uhr

    Hallo,

    sehr interessant… allerdings schließe ich mich sum1 an… das fazit is verwirrend… was genau willst du für die zukunft?

    gruß
    heiko

  3. 3 ni 13. Mai 2010 um 23:50 Uhr

    genau das will ich auch…

    Vorhang zu! Applaus oder wa?

  4. 4 egal 18. Oktober 2011 um 3:29 Uhr

    War so frech, und hab diesen Text auf Scribd gepostet (http://www.scribd.com/doc/60629210/Das-begru%C3%9Fenswerte-Ende-des-Aktivistentums(um einen Tag Gratis downloaden zu können))und siehe da: Prompt hat ihn jemensch übersetzt: http://si-blog.net/2011/07/11/welcoming-the-end-of-activism/

    PS: guter Text…

  1. 1 Abgesang auf die Generation Seattle at 1 + 1 = 1 Pingback am 13. November 2009 um 22:23 Uhr
  2. 2 Review of 2 Years of Shituationist Institute | the shituationist institute Pingback am 08. November 2010 um 2:29 Uhr
  3. 3 who put the shit in shituationism? | the shituationist institute Pingback am 20. Juni 2011 um 11:15 Uhr
  4. 4 welcoming the end of activism | the shituationist institute Pingback am 11. Juli 2011 um 2:57 Uhr
  5. 5 welcoming the end of activism « el Pingback am 11. Juli 2011 um 21:36 Uhr
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