Weltchen. Zur Performance Protektorama – Weltheilungswald

Zur Performance Protektorama – Weltheilungswald (Johannes Paul Raether, 16.10.2011, General Public) und der aufgeworfenen Idee eines Transfers der Performance aus dem Kunstraum in den öffentlichen Raum.

Protektorama ist eine spirituelle Materialistin, eine Hexe oder Priesterin, die mit einem kleinen Wald in die Stadt gekommen ist um darin ein Weltheilungsritual zu vollführen. Die Heilung der Welt funktioniert durch eine Rekuperation des Voodoo Prinzips: Geisterbeschwörung. So die Performance (Bilder von einem anderen Termin hier, inzwischen noch ein Bericht hier). Als Teilnehmende dieser wird sich auf Pilze gekniet und die Hände in die Äste von Bäumen gelegt. Die Pilze sind kleine gepolsterte Kniestützen, die Bäume verstellbare Schienen mit Vorrichtungen zum Befestigen des Arms mit dem Handy darin. Die Platzzuordnung erfolgt nach Geräteklasse: Telefon, Smartphone, Telefone mit Kamera und Lampe. Das Telefon kann nur schwach beleuchten, die Smartphones verbinden zum Text und die anderen dokumentieren und sind Scheinwerfer.

In dem kleinen abgegrenzten Raum der Galerie wird ein interner Raum erzeugt, der Wald, ein Wäldchen, oder wir könnten als Wortspiel sagen, das Weltchen. In diesem wird auf Zeit, dem Zeitraum den der Künstler für seine Transformation in die Hexe Protektorama bestimmt hat, geheilt. Und zwar die ganze Welt. Die ganze Welt insofern, als von der ganzen Welt gesprochen wird, von den Geistern: den ökonomischen sozialen Prinzipien dieser Welt, von ihrer Entkörperlichung zum Abstrakten und Unsichtbaren und ihrer Verkörperlichung durch Beschwörung, durch Besprechung, durch Kritik. Dies selbst ist der Heilungsprozess, dieses Sprechen von dem Prozess der Geisterwerdung und Geisterbeschwörung.

Die ganze Welt in den Raum hinein zu nehmen ist das Hexenwerk. Die abstrakten Geister könnten nicht lokal ausgetrieben werden, vielmehr geht es im Ritual darum, die Geisteraustreibung als Projekt in den Raum der Kunst zu holen, sowohl in die Sphäre bzw. den Kontext der Kunst als auch in den konkreten Kunstraum.

Ein Wald heutzutage ist nicht mehr die Grenze der Zivilisation, vielmehr sind Wälder von Menschen gestaltete Funktionsräume. Entspannung, Frischluftrefugium und Ort der Ruhe, Rohstofflieferant, romantische Kulisse. In diesem Fall jedoch: inhaltliche Anspannung, Nähe zu Anderen, Ort der Rede. Die Bäume in diesem Wäldchen stehen eng, es muss sich hineingequetscht werden. Die räumliche Verdichtung entspricht der Verdichtung der Gedanken, das Wäldchen ist ein Weltchen. Über das Internet, wireless über die Geräte der Gäste, kommt das Skript des Weltheilungsrituals zur Hexe, der Gastgeberin.

Die mit allerlei zauberhaften Dingen ausgestattet über und gegen die Verzauberung der Welt spricht: ausgestattet mit kleinen Yogamatten, Engeln, Buddhastatuen, alles Aneignungen wie die Aneignung des Voodoo. Feindliche Aneignungen, den die Hexe steht auf dem Markt der Weltheilenden in Konkurrenz zu Yogalehrern, Bio-Händlern und anderen Anbietern von Spiritualität. Auf der eigenen Seite hat sie die Gäste des Waldes, die ihre Technologie anbieten und schon hierbei eine Verkörperung einer Abstraktion erfahren: die Einordnung in eine Nutzergruppe eines Typs Mobiltelefon aus finanziellen oder ideologischen Gründen resultiert in eine räumliche Aufteilung. Desweiteren werden hinzugezogen Geister aus der Vergangenheit: Marx, die soziale Bewegung als möglicher Exorzismus des Fetisches, Maya Deren als andere Hexe.

In diesem Raum spielt Zeit eine große Rolle. Einmal als Aneignung der Geschichte, als Aktualisierung von Vergangenem, konkret die Thesen von Verstorbenen und die Perspektiven von früheren Bewegungen. Dann als Bereich der Performance. Der Bereich der Performance ist nicht nur der Wald als Raum, sondern auch das Zeitfenster des Rituals. Und schließlich als Denkmodell in der Geistererzählung des Rituals, in der Analogie von Vergänglichkeit und Abstraktion.

In der anschließenden Diskussion kam die Frage auf, was der Unterschied zwischen zwei Versionen von general public wäre: Auf der einen Seite der Galerieraum namens general public, in dem die Performance stattfand, mit freundlich gesonnenem Publikum, auf der anderen Seite ein öffentlicher Raum mit zufälligem Publikum. Wie ließe sich die Performance aus dem Galerieraum und damit auch Schutzraum transferieren, welche Erfahrungen sind zu erwarten?

Hier möchte ich einhaken und die oben gemachten Beschreibungen noch einmal anwenden. Erst der Raum: Mit dem Wegfallen der Begrenzung auf einen Kunstraum wäre nur noch das Wäldchen der Raum der Kunst. Dieses würde sich durch die visuelle Außergewöhnlichkeit abgrenzen, wie auch die poetische Figur der Hexe diesen Raum hervorheben würde. Die Hineinnahme der Welt in den Raum, durch den Textdownload und vor allem durch die Perspektive der Inhalte des Texts, sowie wiederum umgekehrt der Upload der Dokumentation würde auch funktionieren.

Das Problem beim Umzug ist eher die Geschlossenheit der Erzählung, die zwar keinen Höhepunkt hat, aber doch aufeinander aufbauende Elemente. Zeitlich wäre es also notwendig, die zerteilte Menge im öffentlich Raum zu bündeln um die Geschichte gebündelt vorstellen zu können. Die Frage ist also, ob die Performance, die so sehr auf Verdichtung von Zeit als Thema, Gleichzeitigkeit der Situation und klar strukturierter Aktualisierung basiert, im öffentlichen Raum funktionieren kann. Die Herausforderung wäre die Ungleichzeitigkeit der Tagesabläufe der Passanten, und damit das Finden eines Beginns, sowie einen Ort zu finden in der komplexen Struktur des Stadtraums. Wäre diese general public nicht vielmehr eine Illusion? 30 zufällige und spontan vorbeikommende Gäste zu haben statt 30 Informierte verstehe ich mehr als einen Versuch, ein Erfahrungsammeln, der Beginn einer Neuausrichtung des Konzepts, das räumlich einfach zu transformieren wäre, dessen neue Zeitlichkeit jedoch eine Menge Fragen aufwerfen würde.

Protektorama Weltheilungswald from JPR on Vimeo.