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Warum sind Kunstwerke von Frauen weniger wert?

Warum sind Kunstwerke von Frauen weniger wert?

“Warum sind Kunstwerke von Frauen weniger wert“. Gut dass sich STRG_F dem Sexismus der Kunstwelt widmet, schade dass sie in neoklassischen kulturökonomischen Zirkelschlüssen ergehen und die naheliegende Antwort, dass die Kunstwelt vielleicht einfach noch ein starkes Sexismusproblem hat umschiffen, unter anderem mit Formulierungen wie ab Minute 17:00: “Der Kunstmarkt ist irgendwie so ein Teufelskreis”, “Die Sammler sagen aber dann, naja ich kann ja nur das kaufen was auf den Messen ausgestellt wird oder in Galerien hängt”, “Dann gibt’s ja noch die Kunstausstellungen, die beinflussen den Faktor, der Faktor beeinflusst wieder den Wert.“ Warum sind Kunstwerke von Frauen weniger wert? | STRG_F

Zu diesem “Faktor” kommen wir gleich nochmal. Der anti-feministische Backlash in den Kommentaren unter dieser Doku ist ekelhaft und borniert, aber an den Schlusssätzen der Doku zeigt sich dass das gestellte Rätsel (Warum sind Kunstwerke von Frauen weniger wert) unangetastet bleibt. Der Kunstmarkt ist kein Teufelskreis. Der Teufelskreis ist viel größer, die gesamte Produktion, Vermittlung und Zirkulation von Werken ist männlich dominiert, wie in der Doku gezeigt wird, lange institutionell fundiert und bis heute sich haltend. Zwei Punkte kommen leider nicht zur Sprache, erstens wie hegemoniale Männlichkeit und die Idee der Kunst verzahnt sind (männlicher Geniekult, male Gaze, etc.) und zweitens dass wir es mit symbolischen Gütern zu tun haben, an deren Wertbildung zahlreiche Instanzen mitwirken (Universitäten, Labore, etc.). Auch warum es zum Beispiel mehr Sammler als Sammlerinnen gibt, das wird gar nicht erwähnt, der Fokus müsste hierzu nicht nur größer sein als der Kunstmarkt oder die Kunstwelt, sondern müsste Geschlecht und Klasse in größerem Rahmen einbeziehen. So wie hier der Fokus auf den Kunstmarkt (als Teufelskreis) gelegt wird, verschiebt sich der Fokus aber sogar weg von der Reproduktion von Sexismus in der Kunstwelt.

Der Ausgangspunkt ist ein kulturökonomisches Paper: “In the secondary art market, artists play no active role. This allows us to isolate cultural influences on the demand for female artists’ work from supply-side factors. Using 1.5 million auction transactions in 45 countries, we document a 47.6% gender discount in auction prices for paintings.“ Adams/Kräussl/Navone/Verwijmeren (2018). Kulturelle Einflüsse (wie Sexismus), drücken in so einer Perspektive die Preise. Das motiviert die Reporterinnen aber nicht danach zu suchen wie die Kunstwelt den Sexismus reproduziert, sondern eigentlich nur nachzuweisen, dass er sich statistisch abbildet. Solche zirkulären Schleifen sind der kulturökonomischen Methode innerlich, die ihr Gegenstück in Aussagen zur Wert-Gleichung eines Kunstwerks hat, dessen Preis sich angeblich aus Breite+Höhe*kulturökonomischer Wert (vermutlich laut Artfacts Ranking) berechnet. Des Rätsels Lösung (Warum sind Kunstwerke von Frauen weniger wert) ist aber eher: sie kosten weniger, weil die Sammler weniger für sie zahlen wollen. Das wollen sie aber nicht weil sie weniger ausgestellt werden, sondern wegen einem grassierenden Sexismus in der Kunstwelt, der Frauen weniger Kunstfähigkeit zuschreibt. Das wäre die Erklärung für die Auktionspreise, oder wir suchen den geringeren Wert, dann müssen wir aber kulturökonomische Einflusstheorien hinter uns lassen und Kunst, Wissenschaft, Sammeln in ihrem Sexismus und in ihrer Ökonomie ansehen.

Über junge Frauen als Motiv in der Streetart von El Bocho und XOOOOX

El Bocho XOOOOX Pisa73

Streetart basiert sehr oft auf der Darstellung von Frauen, die dann überall hingeklebt werden. Manche Künstler waren und sind damit über Jahre erfolgreich und prägten die Straßen damit. Streetart wird scheinbar viel seltener als patriarchale Kunst kritisiert. Wenn man sich aber z.B. zwei sehr populäre und lang aktive Berliner Streetart Künstler anschaut, XOOOOX und El Bocho, so kreist ein Großteil ihres Werks darum junge Mädchen zu zeigen die nachdenklich durch die Gegend gucken. Andere wie Pisa73 haben im Streetart Hype um 2010 in Berlin direkt Pornografie als Vorlage für ihre Schablonenarbeiten verwendet und wurden in mehreren Gruppenausstellungen ausgestellt.

Streetart gilt als rebellisch und non-konform. Selbst diese platten Motive des „nachdenklichen Mädchens“ scheinen stark beliebt beim links-alternativen, auch weiblichen Publikum. Die grundsätzliche Selbstermächtigung der Streetart, das Claimen von Stadtraum, beinhaltet dazu auch noch eine enorme Sichtbarkeit dieser Motive, die sich dann völlig unrebellisch zu den sehr ähnlichen Darstellungen von Frauen in der Werbung gesellen, sich mit ihnen den Raum teilen.

Was wir beobachten können, ist wie mit El Bocho und XOOOOX zwei männliche Künstler Mitte der Nullerjahre ganze Stadtteile in Berlin mit Bildern von durchweg jungen Frauen mit verträumt romantischen Gesichtern mit leicht offenem Mund (El Bocho) oder jungen Fashion-Models (XOOOOX) überzogen. Diese Monotonie und Masse macht es endgültig zu einer problematischen Ästhetik – wenn wir mal die motivische Beschränktheit des Themas außen vor lassen. Also wenn man akzeptiert, dass es einfach nur romantische Frauengesichter sein sollen (so El Bocho selbst zu den “Citizens”) und dass sie zu einer Kunstgeschichte des Porträts einer jungen Frau gehören (worüber man extra diskutieren müsste, was an dieser Tradition gut oder schlecht ist).

Filme über linke WGs im Sommer wenn die Eltern verreist sind

Godard La Chinoise
Bertolucci The Dreamers

In Godards La Chinoise (1967) wird über Imperialismus und die Kulturrevolution in China diskutiert, eine konspirative bewaffnete Zelle gegründet und einer von 5 wird rausgeschmissen weil er nicht einverstanden ist. Studiert wird in Nanterre. In Bertoluccis The Dreamers (2003) wird über Filme diskutiert, sexuell experimentiert, die auch von Guy Debord bekannte Anekdote des fast wären wir von einem Mitglied der Gruppe im Ofengas gruppensuizidiert worden kommt vor, dann werden Molotow-Cocktails geworfen und einer von 3 wird zurückgelassen weil er die Aktion nicht mitträgt. Studiert wird an der Sorbonne.

Vom Bilderverbot zum Fotoverbot


„Alle unsere Maschinen sind Bildschirme, wir selbst sind Bildschirme geworden und das Verhältnis der Menschen zueinander ist das von Bildschirmen geworden“ Jean Baudrillard: Videowelt und Fraktales Subjekt. In Ars Electronica (Hg.): Philosophien der Neuen Technologie, Merve, 1989. S. 113-130, S. 130

Identität und Reue sind fest verbunden. Das Subjekt findet sich in einer Krise angesichts der Brüche der Geradlinigkeit der Individualgeschichte. Der Machtmechanismus der Identifizierung kontrolliert die Vierdimensionalität der Identität: das Bild, die Bewegung, die Geschichte. Exemplarisch also: die fotografischen bildgebenden Verfahren machen aus Situationen nicht nur spektakuläre Repräsentationen (zusätzlich verewigt und verteilt im Netz) sondern erzeugen Reue.

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Siehe auch:

Was üben wir, wenn wir die die Kameras und mobilen Bildschirme aus der Gleichung nehmen? Zum Beispiel Gesichtlichtkeit*:

There is a notable difference between raves where people touch your face and try to force your mouth in the shape of a smile because they just need THAT SMILEY everywhere, that terror sign, one of the „signs of techno“ that Katja Diefenbach mentioned. And other raves where they celebrate the joy in the trenches of the landscape of my face. Everyone: Take off your faces, go out, take it all in! And once you loose the signification of the face, your whole body becomes a face.

Dark Surfaces

*„Heureux celui que l’écœurement des visages vides et satisfaits décide à se couvrir lui-même du masque : il retrouvera le premier l’ivresse orageuse de tout ce qui danse à mort sur la cataracte du temps. Il apercevra que les réponses n’étaient comme des os rongés jetés aux chiens que les formules propres à maintenir l’esclavage paisible du travail.“ Georges Bataille, Le Masque
[Rough translation: Happy is he who’s own disgust for the empty and satisfied faces leads him to cover himself with a mask: he will be the first to rediscover the stormy euphoria of all those who dance to death on the cataract of time. He sees that answers one gets are just like bones thrown at dogs, a process that makes you function in the slavery of work.]

- Reader Interfaciality
- Queering faciality

Kunstwert in digitaler Kommunikation – Artistic value in digital communication – H καλλιτεχνική αξία στη ψηφιακή επικοινωνία

wrongrid wrong biennale

The vastness of the digital realm destroys its own restrictions. Its endless wealth is provided in the form of art, inexhaustable, this generates potentials. In that sense, the net is a catalyser for activity beyond its own media. This happens, like described above for visual art, in constantly when we encounter artistic visuality, but it remains important how consciously this is happening.

English

German

Greek

Silberne Buchstaben in goldenem Licht

rebel:art » Serie: El schreibt über Graffiti #8

Uferweg

Mediaspree, Megaspree, East Side Gallery, Kater Holzig, Möhrchenpark, Living Bauhaus

Nach den Konzepten Wagenburg, Strandbar, Mediaspree und Megaspree, ist die neue Runde der Auseinandersetzung um die Ästhetik der inneren Spree eingeläutet. Falls es jemanden interessiert, ich bin ja Fan des Uferwegs (beispielhaft rudimentär am Verdi-Gebäude umgesetzt), erinnert mich an das Pariser Seine-Ufer.  An den Berges de Seine als ein wirklich nutzbarer öffentlicher Raum modernisiert, als abgetrennte Ebene unterhalb des Verkehrsraums ein ruhiger Ort am Fluß zum gemeinsamen Verweilen, dort finden dann hin und wieder geförderte kostenlose Konzerte statt. Ein riesen Unterschied sowohl zu der Touristenschleuse an der Eastside-Gallery, und dem daneben anliegenden Werbetafelhafen, als auch zu den Uferpfaden die sich durch die Möhrchenparkkiosklandschaft und die Bürogebäude schlängeln sollen. Und die Clubs in Paris sind einfach auf Boote ein Stück den Fluß runter verfrachtet, als Partymeile am Port de la Gare und Port De La Rapée, am Ufer davor eine ausgelassen trashige Stimmung wie an der Revaler Straße, weil ja viele feiern möchten, aber nicht alle den Eintritt zahlen können.

Deutsche Bank Macht Kunst

a quick english translation can be found here
deutsche bank kunsthalle berlin
Berlin konnte sich keine Kunsthalle für Gegenwartskunst leisten, nun macht die Deutsche Bank eine. Und ruft unter dem Motto Macht Kunst dazu auf, Bilder einzuliefern, die alle aufgehängt werden, um 24 Stunden gezeigt zu werden. War es 1848 noch so, dass im Zuge revolutionärer Veränderung die zentrale Kunstinstanz und Institution (der Salon) für alle geöffnet wurde, so existierte bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Krise dieser Institutionen (mit Gegensalons und z.B. dem unabhängigen Pavillon von Courbet auf der Weltausstellung). Erst wurde eine Gleichheit der Zugangsbedingungen unter den Künstlern etabliert (Salon in der Revolution), dann die Gleichheit auf dem Markt ausgetragen (Vielheit der Ausstellungen ab den 1860er Jahren). Danach kam das Jahrhundert der gescheiterten Gegenbewegung (Surrealismus, Dada, Lettrismus, Situationismus, Fluxus, Happening…), mit am Ende einer Altermoderne, die Künstler nur noch als unbezahlte Praktikanten für das Kunstevent braucht und schließlich die Gleichheit und die Marktkonkurrenz auf die Spitze getrieben hat: Im Jahr 2013 läd die Deutsche Bank explizit auch lediglich Kunstbegeisterte ein (der Aufruf richtet sich an diese, und an Künstler, Hobbyfotografen, Studenten…), Leinwände abzuliefern. Allein die Einschränkung auf Leinwände zeigt schon, es ist ein Kunstevent, es geht nicht um die unbezahlten Praktikanten in der Schlange, sondern der Kurator ist hier der Künstler, sozusagen der einzige der wirklich in ein Verhältnis mit der Bank getreten ist. Der Kunstbetrieb eignet sich die Struktur von Streetart an, alle dürfen mitmachen, solange sie einen Platz finden und ihr Werk geeignet ist flach an einer Wand zu hängen. Die Auflösung der wissenschaftlich-kritischen Institutionalisierung, die Hektik der Konkurrenz, das heißt Künstler nicht ernst zu nehmen, sondern mit Hobbyisten zusammen aufzuscheuchen. Die reformierte Kunstinstitution reformiert die Künstleridentität.

Graffiti und Gentrifizierung

rebel:art » Serie: El schreibt über Graffiti #7

100 Probleme eines figurativ-abstrakten Expressionismus

veröffentlicht in Pareidolia #16

Graffiti als Soziales Medium

rebel:art » Serie: El schreibt über Graffiti #6

Gesichter und Buchstaben

rebel:art » Serie: El schreibt über Graffiti #5

Weltchen. Zur Performance Protektorama – Weltheilungswald

Zur Performance Protektorama – Weltheilungswald (Johannes Paul Raether, 16.10.2011, General Public) und der aufgeworfenen Idee eines Transfers der Performance aus dem Kunstraum in den öffentlichen Raum.

Protektorama ist eine spirituelle Materialistin, eine Hexe oder Priesterin, die mit einem kleinen Wald in die Stadt gekommen ist um darin ein Weltheilungsritual zu vollführen. Die Heilung der Welt funktioniert durch eine Rekuperation des Voodoo Prinzips: Geisterbeschwörung. So die Performance (Bilder von einem anderen Termin hier, inzwischen noch ein Bericht hier). Als Teilnehmende dieser wird sich auf Pilze gekniet und die Hände in die Äste von Bäumen gelegt. Die Pilze sind kleine gepolsterte Kniestützen, die Bäume verstellbare Schienen mit Vorrichtungen zum Befestigen des Arms mit dem Handy darin. Die Platzzuordnung erfolgt nach Geräteklasse: Telefon, Smartphone, Telefone mit Kamera und Lampe. Das Telefon kann nur schwach beleuchten, die Smartphones verbinden zum Text und die anderen dokumentieren und sind Scheinwerfer.

In dem kleinen abgegrenzten Raum der Galerie wird ein interner Raum erzeugt, der Wald, ein Wäldchen, oder wir könnten als Wortspiel sagen, das Weltchen. In diesem wird auf Zeit, dem Zeitraum den der Künstler für seine Transformation in die Hexe Protektorama bestimmt hat, geheilt. Und zwar die ganze Welt. Die ganze Welt insofern, als von der ganzen Welt gesprochen wird, von den Geistern: den ökonomischen sozialen Prinzipien dieser Welt, von ihrer Entkörperlichung zum Abstrakten und Unsichtbaren und ihrer Verkörperlichung durch Beschwörung, durch Besprechung, durch Kritik. Dies selbst ist der Heilungsprozess, dieses Sprechen von dem Prozess der Geisterwerdung und Geisterbeschwörung.
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gemütliches beisammensein

gemütliches beisammensein
Yayoi Kusama
gemütliches beisammensein
Matthew Stone
gemütliches beisammensein
Stefan Exler

die vielen bedingungen des ganzen verschwinden nicht in den experimentellen ausschnitten. das bild des gemütlichen beisammenseins soll also nur gezeichnet sein, um zu zeigen was die grenze der sprache ist, wie schlecht das gute ist, das wir im schlechten ausschreiben können, uns denken können. es ist keine norm, nach der wir handeln bewerten können. es ist die suche nach der grenze der geschichte. im fragmentarischen und prekären des beisammenseins wird jede weniger an der nähe zum fernen stehende gemeinschaft bloßgestellt: ungemütlich wirds wenn wir um feuer aus büchern stehen müssen, gemütlich wird es wenn wir uns aus büchern vorlesen dürfen, das wären solche setzungen.

bilder vermitteln das gefühl einer unmittelbaren greifbarkeit von konzepten, den verlust von zeitbezug. begriffliches denken liefert dazu den rahmen der geschichte und kritik und die notwenige negative herangehensweise.

schafft das experiment leiden? das experiment schafft leidenschaftlich leiden, das experiment will nicht beruhigen, es will den moment abpassen, in dem wir in ein bild gesunken eine formulierung finden, für das, was inhaltlich hinausweist (nicht vor auf ein ideal, aber zurück auf eine idealisierte erfahrung). der moment der nachdenklich macht, nicht über die bedingungen des werkes (der autor als produzent), sondern über die bedingungen des gedankens und über die bedingungen des formulierens, und am allerwichtigsten über die bedingungen der momente, die wir erinnern und bildlich idealisieren.

vornotizen hierzu

Interface

gesichtsphilosophie faciality history face philosophy

Die Schnittstelle (das Interface, das Blicken und Aussstrahlen) überwindet nicht nur den Raum: Ansehen ist einfühlendes Sehen, Gesichtssehen ist Gefühlsbegreifen. Nicht aufs Unmittelbare. Der Modus beim Ansehen ist kein Zerlegen, sondern ein Einfühlen, ein konstellatorisches Zusammendenken

Äußerlichkeit ist teils gespielt und teils unbewusster visueller Ausdruck des Gefühlten. Die Sprache ist daher das passende Modell, nicht das freigelegte, abgehörte Herz, das erkannte Gesicht, der Lügendetektor. Die maskenlose Kommunikation wäre die Abschaffung der Kunst, die in anderen Vorstellungen vielleicht im Mienenspiel aufgehoben wäre. Anders wäre jedoch die Hoffnung zerschlagen.

Suche den schmalen – wenn er überhaupt existent ist – Riss zwischen dem gespielten Gesichtsausdruck im Einklang mit den Typen, und dem was in der gespielten Miene das nicht typisierte ist, das richtige Spiel, das sogar in der Methode des Abbildmachens überleben kann, das zweierlei widerstehen muss, dem industriellen Stil und dem Identitätszwang der normierten Vorbilder. Abstrakter wird es scheinbar wenn der ganze Körper spricht, die Gesichter sind zu trainiert.

Das Gesicht ist in der Krise der Geschichte verfangen, versuch Gute Gesichtsphilosophie zu machen, nicht Gesichtsphilosophiererei. Es geht nicht um die Wahrheit, die Unmittelbarkeit, die totale Vermittlung von allen mit allen, die totale Transparenz, das Bescheid wissen über das Innen- und Außenleben aller Mitmenschen, es geht um weniger Gewalt (bis zum letzten Schmerz ein Mensch zu sein, des endlos freien Menschen) und eine andere Qualität, es geht um die Bedingungen der Gesichter, die Gesichter die der Geschichte unterworfen sind.

Die Miene stellt sich dar als ein gespieltes und als gespielt empfundenes Zeichen, bei dem, offensichtlicher als bei den Worten, ein offener Raum mitgedacht wird. Es ist schlichtweg eine Herausforderung dieses Thema in Kunst aufzugreifen, da ganz bewusst ein offener Prozess gestaltet werden muss, was Teilen gegenwärtiger Kunst und ihrer Mentalität des Effektheischens gegen den Strich geht, sei es nun Highpass am Mischpult, Signalfarbfelder, Symbolschlacht, Cartoonfigur oder Hartewortepoesie. Gemeint ist aber auch keine Beliebigkeit, unpolitisch nichtsagend, unendlich offen dahinzuknipsen und klecksen.

Darum geht es (manchen) beim pochoir/stencil. Abstraktion des Gesichtsausdrucks, zu ahnen wie durch ein Tuch. im Gegensatz dazu: Mona Lisa, dieses unergründliche erfolgreiche Kulturprodukt.

Mienenspiel: Eine Utopie, in der die Menschen mit einem zentralen Kommunikationsorgan, dem spielerischen Zeichensystem Gesicht, wirklich frei Spiele spielen. Nur gibt es keinen geschichtlichen Bruch, nach dem Motto heute nur Lookism, als zwanghafte Adaption der äußerlichen Normen, und morgen das freie Mienenspiel, sondern in der Wahl, zu schweigen und das Gesicht sprechen zu lassen liegt eine, von so vielen, Möglichkeit zur Entfaltung von Kommunikation: Nicht verstanden werden zu wollen, sondern zum Einfühlen aufzufordern. Diese Geschichte braucht Vorbilder.

Wir bezahlen schon mit Likes, vielleicht bezahlen wir bald mit einem Lächeln, die Stadt wird zum Laufsteg der Überflüssigen, die total Integration der Kulturindustrie versöhnt sich mit der Biopolitik. Die Klasse der Gesichtsperformer und die freigelegten Mienen der Beherrschten, die sich nicht beherrschen können. Wir müssen unsere zarten Mienenspiele anerkennen.

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Literatur

mythos writing

rebel:art » Serie: El schreibt über Graffiti #3

alleine

rebel:art » Serie: El schreibt über Graffiti #2

zu: vandal café #3 _ scum a.k.a. der tote general

rebel:art » Serie: El schreibt über Graffiti #1:

herrfurthplatz

karte oberes nordneukölln
Oberes Nordneukölln (Berlin)
Fluchtwege und -plätze
Legende Teil 1: Herrfurthplatz

Der Herrfurthplatz ist ein Platz ohne Ecken, auf dem Autos im Kreis fahren. Der Herrfurthplatz ist kein Platz, denn es ist kein Platz auf ihm. Wer auf ihm Platz nehmen will, muss ihn umnutzen oder beim Cafe an der Kirche etwas kaufen. Gerade die Kirche in der Mitte, das Haus der Verneinung der weltlichen Genüsse, ist es was diesen Platz trotzdem zu einer Bastion des profanen Lebens macht. Denn sie hat viele Nischen, die zum Verstecken, zum Konsum von Alkohol, zum öffentlichen Urinieren oder Beschriften genutzt werden und die Treppen auf der Rückseite stellen einen Ort für gemütliches Beisammensein dar, mit Übersicht auf den Verkehr der Menschen zwischen den Bäumen und Autos. Die Kirche hält heute dieser Spannung noch Stand. Das Leben der Bewohner auf, an, und um den Herrfurthplatz hat kein Zentrum, unvorstellbar wenn es sich Bahn brechen würde und sich den Platz wirklich aneignen würde. Was würde aus der kaputten Achse des Gegend, der Hermannstraße, werden? Was würde aus dem Herrfurth-Nicht-Platz werden?

Der Platz hat eine schnelle Anbindung zur Hermannstraße, die zwar eine der schlimmsten Verkehrsachse der Gegend ist, aber nun mal auf dem Durchgang betreten oder überquert werden muss, um zum Abhang und den kleinen Rückzugsorten auf der anderen Seite zu gelangen, oder in die U-Bahn abzutauchen. Sie ist die stark befahrene und ungemütliche Achse zwischen dem durch Wohnparks befriedeten Rollbergviertel und dem Schillerkiez, hier wird alles kanalisiert, verweilt wird vielleicht höchstens im Kindlboulevard, dieser grotesken Passage. Die eingezeichneten gemütlichen Orte auf der Karte sind keine öffentlichen Treffpunkte, denn die gibt es hier nicht. Die Schillerpromenade, die schön unübersichtlich ist, kann als gute Parallele gelten, sie hat die Dimension eines Boulevards, ist gescheiterte Promenade und behaust die wenigen und unattraktiven autorisierten Sitzgelegenheiten dieser Gegend. Hier staut sich eine Öffentlichkeit auf, die es am Herrfurthplatz nicht geben soll. Die Promenade ist, für die die eine breite Straße brauchen, vorzuziehen. Zur anderen Seite kommt man schnell zum Gewirr um Tempelhof, ein Ausgang.

bildvorstellung II. nikita pirokov, robert longo, clayton cubitt

„For the thousands and thousands of years in fact that the human face has been speaking and breathing one somehow still has the impression that it has not yet started to say what it is and what it knows.“ Antonin Artaud

robert longo men in the cities
Robert Longo – Men in the Cities Series

Gesichter und abgebildete Gesichter haben eine Leerstelle, Kunstwerke sind offen, die „Grausamkeit“ mancher Bilder ist ein Versuch die Grenzen des Kommunizierens zu verwischen. (mehr…)

nina scholz hated den wald

wald hate hass nina scholz
bild von threesecondthrill

Zu dem von Nina Scholz verfassten Artikel Tatort Hassort: Wald für das Hate Magazin. Schlimm ist ihr das Bild vom „vermeintlich gestressten Großstädter“ – Was ist das überhaupt für eine überheblich zynische geschmacklose Formulierung, Ey, wer haten will muss fühlen – weil diese am Wochenende teilweise aus der Stadt ins Grüne außerhalb fahren.
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bauhaus, berghain, berlinale, banksy

ein wochenende in berlin

es sind sich manche besucher hier im bauhaus-archiv wirklich nicht zu schade, die politischen inhalte des bauhauses zu verneinen und historisch als vorgeschobenen repressionsgrund der rechten zu verorten. daneben steht dann eine schulklasse und notiert eifrig die schlagworte mit denen ihre beschränkten lehrenden ihnen die bauhaus-ideologie eintrichtern: every color has a form. es klingt nach: die dinge sind so wie sie das bauhaus unterrichtet, das bauhaus ist sinn- und zweckvoll, von dem könnt ihr was lernen. ich bin nicht dort um irgendwem an seinen ideologischen karren zu fahren, und schweige. gerade dass das bauhaus die dinge angenehmer anfassbar und ansehbar machte, darin ihren gebrauchswert betonte, bedeutet dass sie eine weltgestaltung anstrebten, in der wir mit modernsten gestaltungsmitteln, den maschinen, das leben der menschen weniger mühseliger und dafür freudvoller einrichten. bleibt nur zu hoffen, dass die litanei der lehrkörper die schüler ihre blicke auf die originalen unterrichtsmaterialien und die zitate an den wänden schweifen ließ und sie den mist den sie referiert bekamen als das durchschauten was er darstellt.

ich schreibe nicht über das berghain, ich denke manchmal sogar, das bild beim reingehen „fotografieren verboten“, sollte durch ein schild beim hinausgehen „berichten unerwünscht“ ergänzt werden. warum? weil die permantente rede über das berghain ein bild erzeugt, das viel zu statisch ist, das die erwartung an diesen ort so stark geformt hat, dass die einen nur wegen der reklame durch außenstehende (technobuch bei suhrkamp, technofilm im fernsehen, technobericht in springerpresse) und die anderen wegen des elitären scheins (absturzbücher von airen und hegemann, „wie kommt man ins berghain“ guides von deef) hingehen. es trifft also die erwartung von zügellosigkeit bei den einen, auf das gefühl dazu zu gehören bei den anderen. die einen wollen rausch (weit gefasst), die anderen haben ihn schon durchs reingekommen sein. dann genügt sich der besuch schon selbst, die einen finden sich und bestärken durch ihren anblick der gruppe, die auf die reklame angesprochen hat, dass die reklame stimmt. alle befriedigt.
eins noch zu den berichten, manche kommen mit dieser situation nicht klar, verständlich, und holen sich dann den rausch danach, erzählen in ihrer zeitung, ihrem blog, ihrem buch wie toll das alles gewesen sei, als die freiheit so nah schien. der hipsterblogger von iheartberlin jedenfalls, dem blog mit einem inhaltslosen und nur der selbststabilisierung dienenden kommentar zu der neudekoration der panoramabar, fiel auf jeden fall darunter. so war er dann zu sehen wie er selbstzufrieden seinen blick über die so von seinem co-blogger schonungslos kritisch (von wegen! belanglos halt.) beschriebenen werke schweifen ließ, bevor er mit einer immobilienseite auf dem iphone display durch die menge lief und endlich etwas lieferte, was den parties dort so oft fehlt: eine negative identifikationsfigur.

ein ganz schönes spektakel ist diese berlinale, die stars sind da, die filme werden ohne werbung, dafür mit applaus präsentiert. beziehungsweise muss vor dem film nicht mehr für die anderen filme und andere produkte geworben werden, die marke berlinale ist ja eh omnipräsent und hat ihre eigenen nebenprodukte wie die unansehnlichen taschen. und dann gehen die leute mit begeisterung hin. überall ein stimmengewirr, in dem es kaum um den letzten film, sondern hauptsächlich um den nächsten geht. viele sehen sich mehrere filme am tag an, klar ist ja auch nur eine woche. dabei verkommt der film – falls er überhaupt noch verkommen kann – vom eindrucksvollen und unterhaltenden medium zum marathon der kultur. leistungssportler, die sich kultur reinfahren. doch wird sie nicht mal reingelassen, es geht ja darum möglichst viele werke mitzunehmen. die kompetenz beschränkt sich darauf alles zu kennen, alles gesehen zu haben, sich ein bild gemacht zu haben. und selbst wenn es nicht so wäre, armseliger leistungssport wäre es trotzdem, innerhalb von stunden in unterschiedlichste filmwerke einzutauchen und durch die stadt von filmpalast zu filmpalast zu hetzen.

jetzt da alle banksy gut finden, wurde es zeit, dass der große unbekannte mal zeigt, was hinter den werken auf der straße steckt, sich auf die finger und ins atelier sehen zu lassen. was hiermit geschehen ist, der banksy film läuft bei sundance und berlinale und wir kriegen alles zu sehen, außer das gesicht. damit das ganze aber den subversiven anstrich bekommt, den das banksy publikum braucht um ihn auch abseits des grundsätzlich rebellisch codierten gebrauchs von sprühdosen an wänden (was ihn in einer doch recht großen bewegung ziemlich untergehen lassen würde) super zu finden, bekommt der film seine kritische note in der vorführung eines verrückten filmemachers, der im schnellspurt auch eine streetart und popart karriere startet, nur ohne selbst das ganze durch harte arbeit verdient zu haben. die szene ließ ihn ja nur mitmachen, weil sie dachten, dass er für sie arbeitet und eine doku macht, dabei filmte er nur aus wahn. das erworbene szenewissen um die subversiven styles und die starqualitäten der hervortretenden künstler, ermöglichte ihm nach dem scheitern als filmemacher doch noch den kommerziellen erfolg als bildkünstler. die moral, von der banksy behauptet, dass es sie hier nicht gebe, ist dann doch noch die, dass die masse alles toll finden, was diesen ironisch subversiven touch hat, der blick hinter die kulissen aber offenbart, wem als kenner zu folgen sei, banksy mit seinen „politischeren“ karikaturen und shepard fairy mit seiner „theoretischer“ untermauerten strategie. wie so viele produkte über streetart (etwa das legenden zur straße buch), musste dieses gemacht werden um das konzept streetart abzuschließen, theoretisch, moralisch, politisch. dieser prozess ist trotzdem zu bedauern. in dem film sagt banksy, dass er früher jedem empfohlen habe kunst zu machen, seit er auf den filmemacher traf, dies aber nicht mehr so oft tue. „kunst ist schön, macht aber viel arbeit“, außer man ist verrückt, soll also der gipfel der erkenntnis, abseits des es-gibt-keinen-witz, es-gibt-keine-moral vernebelns im film, aus den ersten jahrzehnten der streetart sein?

die entzauberung der szenen darf nicht den feuilletons überlassen werden, die kommodifizierung und vermassung der subkulturen muss aus ihnen selbst besehen und gestört/dirigiert werden. ist ein fortschritt erreicht, wie die akzeptanz von perversion in form des berghains, von progressiver gestaltung in form des bauhauses, von illegaler öffentlicher kunst in form von banksy, erst dann gilt es diese formen zu stabilisieren und auszuweiten, denn wie schon die gewählten worte (pervers, illegal, progressiv) andeuten, sind die geformten ansprüche längst nicht eingelöst, ist die reale schranke, die die schranke im kopf bedingt, noch nicht beseitigt. erst durch die überwindung der realen grenzen wird den leuten, das was schon als kulturware genießbar ist, auch zugänglich.

bildvorstellung. françois coquerel – porträt

francois coquerel porträt frau kulturindustrie bed hair gesicht miene

Zu sehen eine vermeintliche neue Sachlichkeit in der Porträtfotografie, der authentische Look der Alltagsmenschen. Nähe, geschminkte Ungeschminktheit, „Bed hair style“, sind die auftretenden kulturindustriellen Typen. Aus ihrer Entstehungssituation sind es eingefrorene Gesichter, keine exportierten Schnappschüsse der Miene im Privaten. Suche den schmalen – wenn er überhaupt existent ist – Riss zwischen dem gespielten Gesicht im Einklang mit den Typen, und dem was in der gespielten Miene das nicht-typisierte ist, das richtige Spiel, das sogar in der Methode des Bildmachens überleben kann, das zweierlei widerstehen muss, dem industriellen Stil und dem Identitätszwang der normierten Vor-bilder.

freundschaft

Wir haben online sooo viele Freunde, wirbt ein Springerblatt, dass wir ein neues Wort für die echten bräuchten und ob wir denn schon reif für die neue Kompaktversion ihrer selbsterklärten Berichterstattung seien. Aus anderer Richtung, wie aus der von Tiqqun, einer Reihe insurrektionistischer Manifeste in Frankreich, tönt es hingegen, dass ab jetzt alle Freundschaft politisch sei. Dafür wurde gleichmal ein ganzer Freundeskreis zerpflückt und verschiedentlich eingekerkert, als MAN ein kleines Ökoladen- und Sabotagekollektiv hinter den Texten vermutete.

Wie steht es heute um Freundschaft, da wir alle Brüder sind? Springer: 200 Freunde, das kann doch echt nicht mehr echt sein. Leute, denen kaum noch im Außenraum gegenübergetreten wird, die nur Notizen oder Clips hinterlassen und sich hin und wieder nach dem Wohlbefinden erkundigen. Und dagegen die Freundschaften: echte Weihnachtsgeschenke -wie wäre es beispielsweise mit einem Abo…- statt ein Facebookgift. Kissenschlacht -Spiel oder reserviert fürs Vorspiel- statt Mafiawars. Und alle Brüder sind wir längst, seit es nicht mehr so angesagt ist, Menschen wegen ihrer vermeintlichen Biologie zu diskriminieren. Oder sollten wir besser sagen, Biologik, oder Bioideologie? Ausgenommen sind meist dann doch noch die Schwestern, oder eben alle die trotz aller political correctness zu anders wirken um Brüder zu sein. Die Schranke im Kopf, sie stört dann auch das Anfreunden.

So setzt sich dann die eigene Gruppe aus dem eigenen Geschlecht zusammen, mit dem eigenem Aussehen, sonst fühlt es sich nicht an wie Brüderlichkeit. Das gemütliche an Freundschaft wäre aber ihre Ungemütlichkeit. Beisammen zu sein statt zusammen. Mit Menschen vertraut zu sein ohne sich ihnen auszuliefern. Jemanden nicht verstehen zu müssen, oder einzusehen, dass komplettes Verstehen ein merkwürdiges Ziel ist. Es könnte ein Modell sein, für Friedlichkeit. Oder für Helfen ohne Tausch. Denn wenn Freundschaft politisch ist, ist sie ein Raum, macht sie Raum. Ob der im Internet wuchert oder in der Stadt, er verändert die die ihn teilen. Das sich Anfreunden derer, die zu Brüdern erklärt wurden, steht noch aus. Die Grenze verläuft nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen dir und mir.

gemütliches beisammensein

Das begrüßenswerte Ende des Aktivistentums

überarbeitet März 2011
ende
Der Versuch, aus der Analyse des Scheiterns eine Überlieferung zu schaffen, die genau dieses Scheitern und nicht den Mythos des Davor zum überliefernswerten Inhalt macht.

Seit den 90er Jahren zeigte sich weltweit eine Widerstandsbewegung, die mit neuen Formen des Protests und neuen Organisationsansätzen aufwarten wollte und konnte. Doch der real existierende bürgerliche Anarchismus in Form von Einzelaktivismus privilegierter Mittelklasseindividuen führte zur Desorganisation dieser Bewegung und damit zu ihrer tendenziellen Stilllegung.
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